Hans Preuschoff


Preußen wieder aktuell

Beachten Sie bitte unbedingt die Benutzungshinweise am Ende dieser Seite!


VORWORT

Die hier vorgelegte Schrift ist eine an einigen Stellen leicht überarbeitete Zusammenfassung von acht Folgen, die von Weihnachten 1979 bis zum Sommer 1981 im Mitteilungsblatt des Historischen Vereins für Ermland „Unsere ermländische Heimat" (Beilage zu den von dem Apostolischen Visitator für die Ermländer in der Bundesrepublik Deutschland herausgegebenen "Ermlandbriefen") erschienen sind. Daß es sich um eine solche Zusammenfassung handelt, ersieht der Leser schon aus den ersten Sätzen. In ihnen wird die Berliner Ausstellung „Preußen-Versuch einer Bilanz" angekündigt. Sie geht inzwischen ihrem Ende entgegen oder ist womöglich schon geschlossen, wenn diese Broschüre erscheint. Den Anstoß zu der Darstellung der preußischen Geschichte gab das Buch von Sebastian Haffner, Preußen ohne Legende, das Walter Görlitz noch im Juli 1981 „Spitzenreiter der Buchmodewelle" nannte. Von anderen Erscheinungen der fast unübersehbaren Preußenwelle auf dem Büchermarkt seien wenigstens einige genannt, ohne daß damit ein Werturteil gefällt werden soll: Joachim Fernau, Sprechen wir über Preußen; Helmut Diwald (Hrsg.), Im Zeichen des Adlers; Christian Graf von Krockow, Warnung vor Preußen; Sebastian Haffner und Wolfgang Venohr, Preußische Profile; Siegfried Fischer-Fabian, Preußens Gloria und Preußens Krieg und Frieden, sowie Werner Knopp, Preußen, Versunkener Staat - lebendiges Erbe.

Was war Preußen? War es, wie es der ostpreußische Schriftsteller Friedrich Reck-Malleczewen im August 1939 gesagt hat, der ewige Schreihals, der auch morgen wieder den Krieg an den ganzen Erdball erklären werde? Oder war es, um noch einmal den in Baden-Baden geborenen katholischen Dichter Reinhold Schneider zu zitieren, die stärkste Form, die sich in die östliche Flut stellte? Eins ist gewiß: Das 1947 vom Alliierten Kontrollrat offiziell für tot erklärte Preußen wird noch lange die Gemüter beschäftigen.
Köln, im September 1981
Dr. Hans Preuschoff



Das Thema Preußen ist wieder “in”. Der Grund dafür sind eine Ausstellung und ein Buch. Die Preußenausstellung hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Dietrich Stobbe, ein gebürtiger Ostpreuße, in der alten preußischen Hauptstadt für 1981 vorgesehen. Es ist klar, daß die Ankündigung der Ausstellung die Gemüter in Wallung gebracht hat und zwischen den Anhängern von Preußens Gloria und Preußens Verdammung eine lebhafte Diskussion in Gang gekommen ist, die einen ersten Niederschlag in einer Dokumentation gefunden hat, die vom Presseund Informationsamt der Stadt Berlin herausgegeben worden ist.
Das Buch, von dem die Rede ist, ist „Preußen ohne Legende" von Sebastian Haffner, in verschwenderischer Ausstattung im Verlag Gruner & Jahr erschienen. Haffner ist gewiß nicht jedermanns Freund. Aber schon seine „Anmerkungen zu Hitler" haben weitgehende Zustimmung gefunden. In einer Besprechung dieses Buches vergleicht der Publizist Hans-Georg Studnitz Haffner mit dem Maler Picasso auf Grund seiner verschiedenen Perioden. Haffner schillert tatsächlich in vielen Farben, und auch sein „Preußen ohne Legende" wird dieses Urteil keinesfalls entkräften. Immerhin kann selbst ein amerikanischer Professor, der seit einiger Zeit an der Universität Münster lehrt, Robert D. Walton, nicht umhin, Haffners neues Buch als „lesenswert" zu bezeichnen, was für einen Amerikaner ein großes Zugeständnis ist, wird doch in den USA nach Waltons eigenen Worten Preußen gleichgesetzt mit Militarismus und Hitlers „Drittem Reich". Aus einer solchen Einstellung heraus ist es ja auch zu dem Kontrollratsbeschluß von 1947 gekommen, der Preußen auflöste, womit man sozusagen dem längst gestorbenen Löwen noch nachträglich einen höchst überflüssigen und im Grunde auch unberechtigten Tritt versetzte, denn das alte Preußen hatte mit Hitlers „Drittem Reich" am wenigsten zu tun, auch wenn Hitler in der Schmierenkomödie des Tages von Potsdam am 21. März 1933 die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus am Grabe Friedrichs des Großen als die Erfüllung der preußischen Geschichte feierte.
Neben Haffners Buch seien keinesfalls die früheren Darstellungen Preußens und des Preußentums vergessen. Eine der ersten, die nach dem Krieg lebhaft diskutiert wurde, war die Arbeit „Die Tragik des Preußentums" von Otto Heinrich von der Gablentz, vom Standpunkt des gläubigen evangelischen Christen aus geschrieben, der kein Historiker war und darum auch nicht in den Literaturverzeichnissen der Fachbücher erscheint, obschon wir seinen Gedanken hier und da in der späteren Preußenliteratur zu begegnen meinen. Vor allem aber sind die Bücher des Erlanger Historikers Hans-Joachim Schoeps zu beachten. Schoeps, der sich offen als Monarchist bekennt, sah gerade als Jude in dem alten preußischen Staat einen Platz für seinesgleichen, nachdem dieser durch das Gesetz von 1812 ausdrücklich die Juden als gleichberechtigte Bürger anerkannt hatte. Von seinen Preußenbüchern seien die genannt, die bei der Abfassung dieses Beitrages vor allem gewürdigt worden sind, „Preußen, Geschichte eines Staates", „Preußen und Deutschland, Wandlungen seit 1763", „Der Weg ins Deutsche Kaiserreich" und „Das andere Preußen". Wenn Schoeps gelegentlich vorgeworfen wird, daß er Preußen zu sehr verherrliche, so ist dem zu entgegnen, daß er bei aller zugestandenen Sympathie für das alte Preußen diesem keineswegs unkritisch gegenübersteht. Nicht zu übersehen ist das Buch von Arno Lubos „Deutsche und Slawen" mit dem Kapitel „Preußen und Slawen". Doch wollen wir dieses Buch stärker in einem besonderen Beitrag heranziehen, der dem Verhältnis von Preußen und Polen gewidmet ist. So sollen auch die Leser nicht enttäuscht sein, wenn der Polenfrage in diesem Aufsatz nach ihrer Meinung nicht der gebührende Platz eingeräumt wird. Schließlich sei von der neueren Preußenliteratur noch das Buch von Bernt Engelmann „Preußen - Land der unbegrenzten Möglichkeiten" erwähnt, das die Wiener Zeitung „Die Presse" „ein preußisches Antigeschichtsbuch" nennt, in dem die preußische Geschichte „mit Brachialgewalt auf roten Vordermann gebracht" wird.

Die Friedrichs und die Wilhelms

In einer großen deutschen Tageszeitung schob die von uns sonst sehr geschätzte Verfasserin eines Beitrags den Erlaß „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" nach der Niederlage von Jena König Friedrich III. zu. Damit war sie einem doppelten Irrtum unterlegen. Die Aufforderung stammt nicht vom König selbst, sondern von seinem Minister von der Schulenburg, und der König hieß auch nicht Friedrich III., sondern Friedrich Wilhelm III. Es ist schon ein rechtes Kreuz mit den preußischen Königen. Sie kennen nur zwei Namen, Friedrich und Wilhelm; manche von ihnen führen, wie wir eben gesehen haben, beide Namen, glücklicherweise nur in der Folge Friedrich Wilhelm; wären noch Wilhelm Friedrichs dabei, würden wir restlos verwirrt. Dürfen wir, ohne in den Verdacht des Borussismus zu geraten, unseren Lesern eine Liste der preußischen Könige präsentieren - den älteren zur Auffrischung ihrer Kenntnisse, den jüngeren zur mehr oder weniger willkommenen Belehrung? Der erste preußische König, der sich am 18. Januar 1701 im Königsberger Schloß selbst die Krone aufs Haupt setzte, war Friedrich I., der Sohn des Großen Kurfürsten; als Kurfürst hieß er selbst noch Friedrich III. Ihm folgte 1713 sein Sohn Friedrich Wilhelm I., bekannt als der Soldatenkönig. Dessen Sohn und Nachfolger war Friedrich II. (1740 bis 1786), den sie nach dem z. Schlesischen Krieg den Großen nannten. Da er kinderlos starb, folgte ihm sein Neffe Friedrich Wilhelm II. Er gilt als der unfähigste der preußischen Könige, was allerdings Haffner heftig bestreitet. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm III. (1797 bis 1840) steht im Schatten seiner bedeutenden, allerdings früh verstorbenen Frau Luise. Beider ältester Sohn, Friedrich Wilhelm IV., regierte offiziell bis zu seinem Tod 1861, mußte aber wegen einer schweren Erkrankung, da er selbst kinderlos war, seit 1857 von seinem Bruder vertreten werden. Dieser herrschte dann von 1861 bis 1888 - seit 1871 auch als deutscher Kaiser. Wilhelms I. Sohn Friedrich III. regierte 1888 wegen Kehlkopfkrebses nur 99 Tage. Der letzte preußische König und deutsche Kaiser war sein Sohn Wilhelm II. (1888 bis 1918).

Wie Preußen zu seinem Namen kam

Beginnt die preußische Geschichte mit der Krönung Friedrichs I.? Haffner will es so wissen; was vorher geschehen ist, nennt er Früh- und Vorgeschichte. Lassen wir es dabei. Was Haffner besonders gereizt hat, ist die Frage, wie der Staat zu seinem Namen gekommen ist. Schließlich waren die Prußen ein baltisches Volk, das vom Deutschen Ritterorden unterjocht wurde, und eben dieses unterworfene Volk gab dem Staat, der auf seinem Boden gegründet wurde, den Namen. Frau Dr. Brigitte Poschmann wies mich darauf hin, daß in den päpstlichen und anderen lateinischen Urkunden von "Pruscia" und der „terra Pruscie" die Rede ist. Und so ist diese Bezeichnung wie von selbst in den deutschen Sprachgebrauch übernommen worden für ein Land, für das sich sonst kein anderer Name gefunden hätte. "Deutschordensstaat" bezeichnet die Form des neuen Staatsgebildes, eignet sich aber nicht als sein Name. Zur Unterwerfung der Preußen seit 1230 sei aus Hafners Buch eine für ihn charakteristische Stelle zitiert: „Die Eroberung und Unterwerfung des Preußenlandes an der Weichsel durch den Deutschen Ritterorden ist eine Greuelgeschichte, aber der Staat, den der Orden in dem eroberten Land errichtete, ist ein kleines Weltwunder seiner Zeit." Unbedingt muß erwähnt werden, daß sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, vielleicht der größte Politiker seiner Zeit, in der Goldenen Bulle von Rimini (1226) vom Kaiser und acht Jahre später auch vom Papst den Besitz des zu erobernden Preußenlandes mit voller Landeshoheit bestätigen ließ. In seinem Drama „Das Kreuz an der Ostsee" legt Zacharias Werner der Herzogin von Masovien, Agaphia, als ihr der Ordensgesandte Conrad von Landsberg eröffnet, daß das eroberte Preußenland dem Orden verbleiben solle, die Worte in den Mund: „Ein überreicher Lohn." Und sie, die sonst die eigentliche Lenkerin der Staatsgeschäfte in Masovien ist, verschiebt die Zustimmung zu diesem Punkt bis zur Rückkehr des Herzogs Konrad aus Krakau, gibt aber zu verstehen, daß er tun werde, was er nicht lassen könne, was nur so zu deuten ist, daß er sich gegen den Plan Hermann von Salzas nicht sträuben wird. Mag das Gespräch auch von Werner erfunden worden sein, wie Agaphia dachten um 1800 gewiß viele Polen.
Interessant ist der Hinweis Haffners auf den Unterschied zwischen der Christianisierung Brandenburgs und Preußens. In Brandenburg waren Eroberung und Missionierung zweierlei gewesen. Die weltlichen Eroberer verlangten nur Unterwerfung, die christliche Missionsarbeit verrichteten friedliche Mönche (Zisterzienser). In Preußen dagegen brachten die erobernden Ordensritter das Christentum mit dem Schwert, wobei, wie Haffner entgegen einer weitverbreiteten Annahme ausdrücklich feststellt, die Prußen nicht völlig ausgerottet wurden. Allerdings war die Kombination von Eroberung und Missionierung für letztere eine schwere Belastung, und an den Aufständen gegen den Orden nahmen auch bereits „bekehrte" Preußen teil.

Die Preußenschulen im Ermland

Es ist an der Zeit, ein Wort über die geistlichen Territorien zu sagen, die unter der Oberherrschaft des Ordens auf preußischem Boden gebildet wurden. Uns interessiert dabei natürlich vor allem das Ermland. Hier suchte man auf friedlichere Weise die eingesessenen Prußen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Unser bedeutender, immer um eine sachliche Wiedergabe geschichtlicher Vorgänge bemühter ermländischer Historiker Franz Hipler konnte feststellen, daß im Ermland für das zeitliche Wohl wie für die geistige Ausbildung der Stammpreußen am meisten getan worden sei. Um einen Klerus heranzubilden, der den Prußen das Wort Gottes in ihrer eigenen Sprache verkündete, gründete man sog. Preußenschulen. Eine solche hat am bischöflichen Hof in Heilsberg bis ins 15. Jahrhundert hinein bestanden. Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren wichtige kirchliche Stellen wie die des Guardians des Braunsberger Franziskanerklosters und des Pfarrers von Wormditt mit Stammpreußen besetzt.
Die folgende hübsche Begebenheit soll unseren Lesern nicht vorenthalten werden, mag es sich auch, um Haffners Wort zu gebrauchen, um eine Legende handeln. Im Jahr 1355 begab sich der vom ermländischen Domkapitel zum Bischof gewählte Johannes Stryprock nach Avignon, wo die Päpste damals residierten, um seine Bestätigung durch Innozenz VI. zu erhalten. In Stryprocks Gefolge befand sich der stammpreußische Adlige Nikolaus Gerke von Hohenberg, der in Prag Theologie studierte. Als der Papst bei der Audienz feststellte, daß Stryprock die preußische Sprache nicht beherrschte, soll er kurzerhand den Gerke zum Bischof bestimmt haben mit dem Hinweis, es sei notwendig, daß die junge Pflanzung der ermländischen Kirche möglichst viele einheimische Priester habe. Am nächsten Tag aber, so wird weiter erzählt, seien Stryprock und Gerke nochmals zum Papst gegangen, und Gerke habe bei diesem Besuch zugunsten des ursprünglich erwählten Bischofs verzichtet, was der Papst dann auch akzeptierte. Ob die Dinge sich so abgespielt haben, wie soeben berichtet wurde, sei dahingestellt. Auf jeden Fall sollte die Geschichte die Haltung der Kirche in der Frage der Preußenmission beweisen.

Albrechts Huldigung an Polen

Preußen gab nicht nur dem Deutschordensstaat den Namen, sondern auch dem 1701 durch den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. begründeten Königreich. Warum nannte er sich nicht König von Brandenburg? Weil Brandenburg ein Teil des Deutschen Reiches war, dessen König der Kaiser war. Eine Ausnahme bildete Böhmen, dessen Herzog sich seit 1198 König nennen durfte (Kurfürst wurde er auch). Gehörte aber Preußen nicht auch zum Deutschen Reich? Erich Caspar, der große Historiker, dessen Buch „Hermann von Salza und die Gründung des Deutschordensstaates in Preußen" das maßgebliche Werk für diese Fragen ist, äußert sich zur These von der reichsfürstlichen Stellung des Hochmeisters, daß diese nicht im Sinne der Zugehörigkeit zum deutschen Lehnsstaat zu sehen sei. Der geschichtliche Lauf der Dinge hat zusätzlich zur Lösung Preußens vom Reich beigetragen. Im zweiten Thorner Frieden von 1466 kamen Westpreußen und das Ermland unter polnische Herrschaft bzw. Oberherrschaft. Der restliche Ordensstaat Preußen mit dem Sitz des Hochmeisters in Königsberg trat in engere Beziehung zu Polen, wobei noch von keinem eigentlichen Lehnsverhältnis zu sprechen ist. Ein solches wurde erst nach der Umwandlung des Ordenslandes in das Herzogtum Preußen durch den Hochmeister Albrecht von Brandenburg begründet, der mit seinen Brüdern auf alle Rechte bei Kaiser und Reich verzichtete. Der polnische Maler Jan Mateiko hat die Huldigung Albrechts in Krakau, die unter großer Prunkentfaltung erfolgte und von der polnischen Geschichtsschreibung stark herausgestellt wird, in einem seiner Kolossalgemälde verewigt. Haffner nennt im übrigen das Verhalten Albrechts eine wenig erbauliche Geschichte, wobei er nicht an die Huldigung in Krakau denkt, sondern an den 1525 erfolgten Übertritt des Hochmeisters zur Lehre Luthers und die Umwandlung des Ordensstaates in ein erbliches Herzogtum. Haffner spricht sogar von einem Verrat, den Albrecht an seinem Amt und denen verübt habe, die ihn dazu gewählt hätten.
Inzwischen hatten die Hohenzollern bereits in einem anderen Gebiet Fuß gefaßt. Im Jahr 1415 übertrug gelegentlich des Konzils von Konstanz Kaiser Sigismund dem Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI. von Hohenzollern, „als Belohnung für wichtige ihm und dem Reiche geleistete Dienste" die Mark Brandenburg mit der Kur- und Erzkämmererwürde. Die eigentliche Belehnung erfolgte am 18. April 1417. In seiner neuen Würde wurde aus Friedrich VI. Friedrich I. Für die Zukunft als besonders wichtig erwies sich die 1563 erfolgte Mitbelehnung der Söhne des brandenburgischen Kurfürsten Joachim II., Johann Georg und Sigismund, über Preußen, was 1618 dazu führte, daß der Kurfürst von Brandenburg, Johann Sigismund, nach dem Tod des erbenlosen geisteskranken Herzogs Albrecht Friedrich auch Herzog von Preußen wurde. „In der polnischen Geschichtsschreibung", bemerkt Gotthold Rhode in seiner „Kleinen Geschichte Polens", „wird der Beschluß von 1563 oft scharf mißbilligt und als ein entscheidender Grund für die zur Teilung führende Entwicklung und für die neuzeitliche deutsche Ostexpansion verurteilt." Der Mitwelt seien, fährt Rhode fort, derartige Vorstellungen eines preußisch-polnischen oder deutsch#polnischen Gegensatzes jedoch gänzlich fremd gewesen. Im übrigen habe der starke polnische Einfluß im herzoglichen Preußen die Zugehörigkeit Preußens und Brandenburgs zur gleichen Dynastie kaum bedrohlich erscheinen lassen. Immerhin stimmten die beiden Teile des Staates auch in der Konfession überein, seitdem Kurfürst Joachim II. sich 1539 zur Lehre Luthers bekannt hatte.
Nachdem bereits 1614 im Vertrag von Xanten nach dem Jülich-Cleveschen Erbfolgestreit Cleve, Mark und Ravensberg an Brandenburg gefallen waren, bestand das Herrschaftsgebiet der Hohenzollern aus drei weit auseinander liegenden Teilen, die das sei ohne eine moralische Wertung zu treffen, gesagt - zur Vereinigung drängten. Schoeps spricht von einem unaufhaltsamen Trieb zur Einheit des Ganzen, der durch die Krönung Friedrichs der Armee und den Behörden eingepflanzt wurde. Und Haffner betont geradezu einen Zwang zur Größe, der das Lebensgesetz des preußischen Staates wurde.

„König" ein Zauberwort wie „Demokratie"

Die Voraussetzung, daß Kurfürst Friedrich III. sich die preußische Krone in Königsberg aufs Haupt setzen konnte, schuf sein Vater, der Große Kurfürst, indem er im Frieden von Oliva 1660 die polnische Lehnsherrschaft über Ostpreußen abschüttelte. Friedrich I., dessen Streben nach der Königskrone Haffner als im Zuge der Zeit liegend bezeichnet - das Wort „König" sei damals ein Zauberwort gewesen wie heute das Wort „Demokratie" -, dehnte, so lesen wir wieder bei Schoeps, die neue Titelbezeichnung, „die die Kurie wegen des alten Ordensstaates - geistliches Gebiet also - für ein Jahrhundert zur Kenntnis zu nehmen sich weigerte, auch auf die anderen Landesteile des Staates aus, so daß allmählich Brandenburger, Lausitzer, Pommern, Magdeburger und Westfalen zu Preußen wurden". Auch in Brandenburg und Cleve gab es fortan nicht mehr kurfürstliche und herzogliche Beamte, sondern königliche.
Schwierigkeiten bei der Erhebung des brandenburgischen Kurfürsten machte der Deutsche Ritterorden, dessen Hochmeisterwürde nach 1525 auf den Deutschmeister mit dem Sitz in Mergentheim übergegangen war. Erzkatholisch, so schreibt Haffner in seinem uns nun schon bekannten aggressiven Stil, eng an Habsburg angelehnt, bot der Orden in Wien jetzt seinen ganzen Einfluß auf, um zu verhindern, daß das ketzerische, illegitime, geraubte preußische Herzogtum der Hohenzollern nun auch als Königreich Anerkennung fand. Aber, wie wir sahen, blieben alle Bemühungen des Ordens ohne Erfolg. Er wurde dann in Deutschland von Napoleon aufgelöst. In Österreich blieb er bestehen. Nach dem letzten Krieg wurden auch in der Bundesrepublik Deutschland einige Niederlassungen gegründet. Die Polen, für die der Deutsche Ritterorden seit eh und je ein rotes Tuch ist und die ihren Sieg über ihn bei Tannenberg 1410 als das vielleicht größte Ereignis ihrer Geschichte feiern, haben es Konrad Adenauer sehr übelgenommen, daß er die Würde eines Deutschordensritters annahm, obwohl der Orden heute nur noch rein karitative Aufgaben hat.
Preußens erster König Friedrich I. war ein unheroischer, verschwenderischer, aber gebildeter Mann. Er rief Andreas Schlüter nach Berlin und ließ ihn das Königsschloß vollenden. Seine Wiederherstellung nach dem Zweiten Weltkrieg wäre trotz erheblicher Bombentreffer durchaus möglich gewesen, doch ließen es die neuen, kommunistischen Machthaber als Symbol des verhaßten Preußentums niederreißen. Was ihnen inzwischen selbst am meisten leidgetan hat. Wie gern würde Herr Honecker heute im alten Schloß der preußischen Könige residieren! Ein Kuriosum ist die Rettung des Standbildes des Großen Kurfürsten, das Schlüter im Angesicht des Schlosses errichtete und das viele für das beste Reiterstandbild überhaupt halten. Wegen der Bombenangriffe sollte es auf einem Spreekahn in Sicherheit gebracht werden, doch soff dieser Kahn aus irgendeinem Grund ab, glücklicherweise noch im Gebiet von Westberlin. So konnte das Denkmal nach dem Krieg geborgen und auf einem würdigen Platz vor dem Charlottenburger Schloß aufgestellt werden.

Der preußische Militarismus

Die beiden großen preußischen Könige nennt Haffner die Nachfolger Friedrichs I.: Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., den das Volk als den Großen verehrt hat. Allerdings hat es schon vorher einen Großen in der Geschichte des Landes gegeben: Friedrich Wilhelm, den Großen Kurfürsten. Er erkannte als erster den schon erwähnten durch die Neuzugänge im Osten und Westen entstandenen „Zwang zur Größe, der dann das Lebensgesetz des Staates Preußen werden sollte". Haffner wehrt sich aber mit Nachdruck gegen die spätere Legende, als ob das Haus Hohenzollern „im Zusammenwirken mit der Vorsehung" über Jahrhunderte bewußt und weitschauend auf das künftige Preußen, und wir können hinzufügen auf das Deutsche Reich, hingearbeitet habe. Anders als jeder andere europäische Staat sei Preußen immer wegzudenken gewesen, es sei keineswegs aus einem Stamm herausgewachsen wie etwa Bayern und Sachsen. Preußen habe zeitlebens eines Übermaßes an staatlichem Lebenswillen und militärischer Selbstbehauptungsenergie bedurft, um den Geburtsmakel auszugleichen. Das Mittel, diesen auseinandergerissenen Staat ohne natürliche Grenzen am Leben zu halten und zu arrondieren, wie die Fachleute sagen, war die Armee, die im Verhältnis zu anderen Staaten erheblich größer war. So war der Militarismus eine Notwendigkeit, den abfälligen Beigeschmack, den das Wort dann bekommen hat und der Preußen zum Hauptvorwurf gemacht wurde - auch in dem erwähnten Kontrollratsgesetz Nr. 46 -, hat es erst im Laufe der Zeit erhalten, als die preußische Armee entscheidend an der erwähnten Arrondierung des Staates beteiligt war und dadurch zu einer den anderen Völkern unheimlichen Macht wurde und man im Militarismus die preußische Weltanschauung sah. Eine politische Rolle hat anders als z. B. das Militär in südamerikanischen Staaten die preußische Armee nie gespielt, sehen wir von dem Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 ab, an dem eine Anzahl von preußischen Offizieren beteiligt war. Der eigentliche Attentäter Graf Stauffenberg kam aus Bayern, allerdings war er ein Nachkomme des preußischen Generalfeldmarschalls Neithardt von Gneisenau, der wiederum aus Sachsen stammte. Als politischer Faktor ist das Militär eher im Kaiserreich hervorgetreten. Wir kommen darauf noch zurück.
Der Große Kurfürst hat im Gegensatz zu den früheren Söldnerheeren ein stehendes Heer geschaffen. Sein Enkel Friedrich Wilhelm I. hat es weiter ausgebaut und ist dadurch zu dem Beinamen Soldatenkönig gekommen. Nach der Einwohnerzahl war Preußen zu seiner Zeit der 13., nach Umfang der 10., nach der Stärke der Armee aber der 4. Staat in Europa. Friedrich Wilhelm I. war der erste Herrscher, der ständig Uniform trug.
Was Haffner kaum beachtet, ist das starke religiöse Empfinden Friedrich Wilhelms I. Aber sein übersteigertes Pflichtgefühl stammte nicht, wie Gablentz sagt, aus evangelischer Freiheit, sondern war eine neue Werkgerechtigkeit, die weder in einer kirchlichen Ethik noch in einer seelsorgerlichen Beichtpraxis ein Maß fand, sondern nur an die grenzenlose Unruhe eines geängstigten, selbstquälerischen Gewissens gebunden war. Es war Friedrich Wilhelm bitterernst mit seinem Gebetsleben wie mit seiner Erziehungsarbeit am Volk. Er sagte: „Wenn ich baue und verbessere das Land und mache keine Christen, so hilft mir das alles nichts." Aber das Christentum soll ein tätiges sein. Leere Kirchen sind ihm ein Greuel. So läßt er die wunderbare romanische Marienkirche vor den Toren Brandenburgs abtragen und daraus ein Militärwaisenhaus in Potsdam bauen. Die Königsgestalt Friedrich Wilhelms I. hat Jochen Klepper in seinem bedeutenden Roman„ Der Vater" zu erfassen gesucht.

Ein rauher Vernunftsstaat

Was würde aus diesem Staat werden, fragt Gablentz, wenn das Vorbild bliebe, diesem aber der Glaube fehlte? Würde der König noch, wie der Schwiegersohn Franckes, des Gründers der berühmten Halleschen Stiftungen, schreibt, Amtmann des Reiches Gottes sein? „Oder würde er", ich zitiere wieder Gablentz, „fanatisch dem Ziel verfallen, ein Reich dieser Welt aufzubauen? Friedrich Wilhelm I. war von Natur Soldat. Was würde aus diesem Soldatenstaat werden, wenn einmal jemand an die Spitze käme, für den das Soldatensein nur einen furchtbaren Zwang bedeutete und der doch aus übersteigertem Pflichtgefühl sich selbst an diesen Zwang bände?" Diese Worte Gablentz„ sind auf Friedrich Wilhelms Sohn und Nachfolger Friedrich II. (1740 bis 1786) gemünzt. Wir kennen den berühmten Konflikt zwischen Vater und Sohn, wir wissen auch, daß Friedrich II., nachdem ihn der Wille des Vaters gebrochen hatte, dessen Erbe auf seine Weise fortführte, aber nicht im Geiste des Christentums, sondern der Aufklärung, wobei er selbst zum Menschenverächter wurde. Man hat das Preußen Friedrichs II. einen rauhen Vernunftsstaat genannt. So kann Haffner schreiben, daß bei der Prägung dieses Staates der Zeitgeist mitgewirkt habe, der Geist der Staatsvernunft, der Staatsräson, der damals in ganz Europa herrschend wurde und einen solchen Vernunftsstaat wie Preußen begünstigte, ja geradezu nach einem solchen Vernunftsstaat verlangte.
Unter Friedrich II. gewann Preußen zwei Provinzen: das reiche Schlesien und Westpreußen mit Ermland. Der Gewinn Westpreußens war für seinen Staat um so wichtiger, als er die Landbrücke zwischen Brandenburg-Pommern und Ostpreußen herstellte. Kann man im Fall Westpreußens noch als Entschuldigung anführen, daß Preußen dieses Verbindungsstück wirklich brauchte - was natürlich nur eine politische Rechtfertigung ist -, so war der Kampf um Schlesien, wie man kurz sagen könnte, ein Raubkrieg in drei Phasen, deren letzte, den Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763, Friedrich nur gewann, weil er den längeren Atem hatte und seine schlimmste Gegnerin, die Kaiserin Elisabeth von Rußland, starb und ihr Nachfolger Peter III. Friedrich zuneigte. Allerdings starb Peter noch im selben Jahr mit oder ohne Zutun seiner Gemahlin und Nachfolgerin Katharina II. Diese kündigte Friedrich die Freundschaft, ließ aber die russischen Truppen nicht mehr in den Krieg eingreifen. So verloren auch die anderen Gegner Friedrichs, Österreich und Frankreich, die Lust am Krieg, und Friedrich behielt Schlesien endgültig, was ihm die Österreicher nie verziehen haben. Der Siebenjährige wie Krieg wird, Haffner zutreffend bemerkt, gern als Glanz- und Prunkstück von Preußens Gloria angesehen, mit den Siegen von Roßbach, Leuthen und Zorndorf. Der wirkliche, für Friedrich längst nicht so günstige Verlauf des Krieges wird kaum wahrge
nommen. Friedrich spekulierte, ehe der Krieg ausbrach, auf den angeblich unüberwindlichen Gegensatz von Österreich und Frankreich. Aber Frankreich nahm Friedrich das Bündnis mit England übel, das um die Zeit mit Frankreich und Kanada und andere koloniale Besitzungen kämpfte. So kam es zum Dreibund Österreich-Frankreich-Rußland, dessen Ziel die Rückführung Preußens auf Brandenburg war. Warum, fragt Haffner, sollte man Preußen nicht einfach aufteilen können wie später Polen? Nun, es kam nicht dazu, der David besiegte die Goliaths, worauf die Jugend in Deutschland nach Goethes Wort „fritzisch" gesinnt war. Die nationalsozialistische Führung wartete im zweiten Weltkrieg auf ein „friederizianisches Wunder", womit der Tod der Zarin Elisabeth gemeint war, und als Roosevelt am 12. April 1945 plötzlich starb, wurde sein Tod von Goebbels als solches verkündet. Vergebens, wie wir wissen. Wunder lassen sich nicht herbeikommandieren. Roosevelts Nachfolger, Truman, war kein Peter III.

Friedrichs II. religiöse Indifferenz

Friedrich des Großen vielgerühmte Toleranz entsprang nicht einer religiösen Einstellung, sondern einer religiösen Indifferenz. Ihm, dem Atheisten, war es gleichgültig, zu welcher Konfession und zu welcher Nationalität sich ein Untertan bekannte, Hauptsache, er tat seine Pflicht. Daß Brandenburg-Preußen ein übernationaler Staat war, hatte schon der Große Kurfürst bewiesen, als er die Hugenotten in sein Land aufnahm, Friedrich Wilhelm I., als er den wegen ihres Glaubens ausgewanderten Salzburgern eine neue Heimat gab, und Friedrich II., unter dem die bei der ersten Teilung hinzugekommenen Polen es nach Haffners Ansicht nicht schlechter hatten als vorher in ihrem eigenen Staat. Seine Toleranz, die nach einem zynisch gemeinten Wort jeden nach seiner Fasson selig werden ließ, bewies Friedrich auch gegenüber den vor allem aus Schlesien in die Hauptstadt gezogenen Katholiken. Er ließ ihnen im repräsentativen Stadtzentrum eine Kirche erbauen, die nach der Heiligen Schlesiens, Hedwig, benannt wurde. Uns wurde als Kindern gern erzählt, daß Friedrich auf die Frage, wie die neue Kirche aussehen sollte, eine Kaffeetasse umgestülpt habe. In Wirklichkeit wurde sie nach dem Vorbild des Pantheons in Rom erbaut. Einweihen ließ der König die Kirche von seinem Geistesverwandten, den er zeitweilig nach Sanssouci zog, dem Fürstbischof von Ermland Ignaz Krasicki.
Ein Abschnitt in dem Kapitel Haffners über Friedrich den Großen ist besonders zu beachten. Der Verfasser äußert hier ähnliche Gedanken wie schon Gablentz. Das alte Preußen, womit die Kernländer des preußischen Staates, Brandenburg, Pommern, das stückweise den Hohenzollern zugefallen war, und Ostpreußen gemeint waren, entbehrte der eigenen geistigen Prägung, wie Gablentz meint, und er fährt fort: „Es war ein Land ohne Heilige und Märtyrer." Auch die Verehrer der hl. Dorothea von Montau werden zugeben, daß sie für Preußen nicht die gleiche Rolle gespielt hat wie die Heiligen Adalbert und Stanislaus für Polen, die hl. Hedwig für Schlesien, der hl. Wenzel für Böhmen und der hl. Stephan für Ungarn. „So ist das religiöse Leben dieses Landes blutleer und bodenlos geblieben, eine Sache des Verstandes und der Städte, ganz im Gegensatz zu Polen", das den in Preußen den Märtyrertod gestorbenen hl. Adalbert längst für sich in Anspruch genommen hatte, als die Preußen katholisch wurden. Gablentz und Haffner weisen darauf hin, daß das Christentum „auf dem Wege der Eroberung" (Gablentz) oder, wie es Haffner ausdrückt, „oft unter schlimmen Begleitumständen" ins Land gekommen sei. Die katholische Kirche hatte keine Zeit, Wurzeln zu schlagen, da wurde das Land schon protestantisch. Auch der Übertritt zum Protestantismus war keine religiöse Bekehrung, sondern im allgemeinen nur die Befolgung eines fürstlichen Befehls. Soweit Gablentz. Und wieder Haffner: Kaum protestantisch geworden, wurde ihnen - womit er die preußischen Kernlande meint - eine Toleranz aufgenötigt, die auch die protestantischen Bekenntnisse relativierte. Haffner spielt hier auf den Übertritt des Kurfürsten Johann Sigismund zum Kalvinismus an, nachdem er 1614 die reformierten Gebiete im Westen geerbt hatte. Der Große Kurfürst ordnete an, daß sich in seinem Land Reformierte und Lutheraner nicht mehr bekämpfen sollten. Das mißfiel dem Propst von St. Nicolai in Berlin, dem bekannten Liederdichter Paul Gerhardt („O Haupt voll Blut und Wunden", „Befiehl du deine Wege"), der ein eifriger Lutheraner war, so sehr, daß er seine Stelle aufgab. Wir zitieren Haffner weiter: „Darf man sich wundern, daß dort, wo bei älteren Völkern die Religion ihren festen Platz hatte, in Preußen eine gewisse Leere entstand und daß in diese Leere etwas eindrang, was man eine bloße Pflichtreligion oder Staatsethik nennen könnte?... Pflichterfüllung wurde in Preußen das erste und oberste Gebot und zugleich die ganze Rechtfertigungslehre. Wer seine Pflicht tat, sündigte nicht, mochte er tun, was er wollte... Mit diesem Religionssatz ließ sich leben, und sogar ordentlich und anständig leben - solange der Staat, dem man diente, ordentlich und anständig blieb. Die Grenzen und Gefahren der preußischen Pflichtreligion haben sich erst unter Hitler gezeigt."
Der letzte Satz muß uns Ermländer ganz besonders beschäftigen. Wir wollen keine Pharisäer sein: Aber war nicht unser Ländchen gefeiter gegen die Verführung durch den Nationalsozialismus als etwa das übrige Ostpreußen? Nach der von Haffner gezeichneten Entwicklung kann dies nur dadurch gekommen sein, daß im Ermland die katholische Kirche wirklich Wurzeln schlagen konnte. Eine jüngst veröffentlichte Statistik hat nachgewiesen, daß gerade in den katholischen Gebieten, unter denen das Ermland ausdrücklich genannt wird, selbst bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932, bei der Hitler „sein bestes Ergebnis unter den Bedingungen einer wirklich freien, gleichen und geheimen Wahl erzielte", die Nationalsozialisten auf der Strecke geblieben seien. Noch bei der letzten freien Wahl, wenn man sie im Hinblick auf die taktische Zurückhaltung der Nationalsozialisten so nennen kann, am 5. März 1933, also bereits nach der Machtergreifung Hitlers, errang im Kreis Braunsberg das Zentrum, die Partei des politischen Katholizismus, die absolute Mehrheit ebenso wie in der Stadt Braunsberg. Auch in den anderen ermländischen Kreisen war der Prozentsatz der NS-Stimmen zum Teil erheblich niedriger als im übrigen Ostpreußen. Auffallend ist nur ihre starke Zahl ausgerechnet in dem weitgehend von einer polnischsprechenden Bevölkerung bewohnten Landkreis Allenstein. Es handelt sich hier offensichtlich um Angstwahlen. Das übrige Ostpreußen wählte die braune Farbe. Daß dann, als die Nationalsozialisten ihren Druck verstärkt hatten und Wahlen oder besser Scheinwahlen nur noch stattfinden ließen, wenn sie mit einer Frage gekoppelt wurden, deren Zustimmung sich kein deutscher Wähler entziehen konnte, auch im Ermland die Ergebnisse in ihrem Sinne ausfielen, soll nicht verschwiegen werden. Wir wollen uns auch nicht vor der Frage drücken, was geworden wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß ein Kirchenkampf eingesetzt hätte, gegen den Bismarcks Kulturkampf ein Kinderspiel gewesen wäre. Ein geistlicher Freund erinnerte mich in diesem Zusammenhang an eine pessimistische Bemerkung Bischof Maximilians. Dazu wird folgende kleine Begebenheit passen:
Es war im Krieg, als wir eines Tages in der Stube unseres Onkels in Heinrichsdorf beisammensaßen. Der Onkel selbst beteiligte sich schon einige Zeit nicht mehr an Gesprächen, sondern zog, wie es seine Art war, still an seiner kalten Pfeife. Auf einmal sagte er, der ein guter Ermländer war, wie jeder von uns zu sein glaubt, ganz unvermittelt (er sagte es auf plattdeutsch, ich darf es für die unserer Heimatsprache unkundigen Leser ins Hochdeutsche übertragen): „Das wird alles mal aufhören, das Nach-Bludau-in-die-Kirche-Fahren!" Widerspruch gegen seine Einsicht ließ er nicht gelten. Hat er recht behalten? Nein - aber mit einer entscheidenden Einschränkung: Sie fahren immer noch nach Bludau in die Kirche, doch es sind nicht mehr die Menschen, die damals in die Kirche fuhren, auch nicht ihre Kinder und Kindeskinder, sondern die, denen man heute unsere Heimat überlassen hat. Und um es ganz genau zu sagen: Gerade die jetzigen Heinrichsdorfer brauchen gar nicht mehr nach Bludau zu fahren, sondern der Pfarrer kommt jeden Sonntag die sieben Kilometer mit dem Motorrad zu ihnen, um den Gottesdienst in dem Kapellchen zu halten, das die alten Heinrichsdorfer zu Ehren ihrer im Ersten Weltkrieg Gefallenen errichtet hatten 1).

Der erste Diener des Staates

Wenden wir uns wieder unserem eigentlichen Thema zu, und drehen wir das Rad der Geschichte um 200 Jahre zurück. Immer noch regiert in Preußen Friedrich der Große, längst der Alte Fritz genannt. Und er regiert völlig absolutistisch, d. h., er gibt keine Entscheidungen an seine Mitarbeiter ab, sondern erledigt alle Staatsgeschäfte, auch die weniger wichtigen, in eigener Person entweder durch Verfügungen „aus seinem Kabinett" oder durch Marginalien. Das sind Randbemerkungen zu den ihm auf den Tisch gelegten Vorschlägen oder Anträgen. Die Untertanen waren in drei scharf gegeneinander abgegrenzte Stände gegliedert: Adel, Bauern, Bürger. Dem ersten Stand, dem Adel, blieb die Besetzung der Offiziersund höheren Beamtenstellen vorbehalten. Daß ein Bürgerlicher in den Adelsstand aufstieg, kam höchst selten vor, so beim Oberpräsidenten Domhardt, der sich besondere Verdienste um die Eingliederung Westpreußens in den preußischen Staat nach 1772 erworben hatte. Die Bauern mußten für den Gutsherrn arbeiten, möglichst nur drei Tage in der Woche. Die nachgeborenen Bauernsöhne waren Rekruten für die Armee. Aus wirtschaftlichen Gründen mußten auch die Bürger in ihrem Stand verbleiben. Dabei schätzte der König bürgerliche Emporkömmlinge nicht, weil sie nach seiner Meinung zumeist aus niedriger Gesinnung handelten. Zu den unbestreitbaren großen Leistungen des im Geist des aufgeklärten Absolutismus unermüdlich tätigen Königs, der sich als der erste Diener seines Staates bezeichnete, gehört die entscheidende Fortführung der unter seinem Vater durch Cocceji begonnenen und unter Friedrich in ihr entscheidendes Stadium tretenden Kodifizierung des „Allgemeinen Landrechtes für die preußischen Staaten" (Sie lesen richtig: Staaten!) durch den Großkanzler von Carmer und den hervorragenden Juristen Svarez. In Kraft getreten ist das Landrecht erst unter seinem Nachfolger 1794. Es blieb in Kraft, bis es 1900 durch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) abgelöst wurde. Erwähnt seien noch die Abschaffung der Folter, die Urbarmachung des Oder- und Netzebruches, die Gründung der Berliner Porzellanmanufaktur, die verschiedenen Kanalbauten. Diesen Leistungen stand ein strenges Steuersystem gegenüber, dessen Regie meist französische Beamte übernahmen, was gewiß nicht der Popularität des Alten Fritz dienlich war. Überhaupt war es um diese gegen Ende seines Lebens nicht mehr gut bestellt. Die Berliner, die einst dem Sieger von Hohenfriedberg zugejubelt hatten, bewahrten tiefstes Schweigen, als er wenige Monate vor seinem Tod, von einer Truppenrevue kommend, durch die Wilhelmstraße ritt. Graf Mirabeau, zu Beginn der Französischen Revolution der erste Repräsentant der Nationalversammlung, weilte beim Tod Friedrichs II. zufällig in Berlin. „Ich lebe noch", schreibt er, „und meine Seele entrüstet sich über das unwürdige Schauspiel, das Berlin meinen erstaunten Augen am Todestag des Helden bot, der die Welt vor Staunen schweigen oder vor Bewunderung reden ließ. Alles war düster, niemand war traurig; alles war geschäftig, nie betrübt. Kein Bedauern, kein Seufzer, keine Worte des Lobes." Friedrich der Große hatte nicht das Herz seiner Untertanen gewinnen können. Kam das vielleicht daher, daß er selbst keins oder nur ein kaltes Herz hatte? Gablentz, der solches feststellt, gibt allerdings zu, daß es noch heute schwer sei, ein objektives Urteil über diese Gestalt von dämonischer Größe zu fällen. Ernst Moritz Arndt charakterisiert den Staat, den Friedrich II. geschaffen hat, noch 1806 kurz vor der Schlacht bei Jena: „Alles Weisheit, Gerechtigkeit, lebendige Beweglichkeit. Und doch ist alles Maschine."
Friedrichs Andenken halten die Bauten wach, die er durch seinen Baumeister Knobelsdorff errichten ließ, so das Schloß Sanssouci in Potsdam und das Opernhaus „Unter den Linden" in Berlin. Letzteres wurde nach seiner mehrfachen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern wiederaufgebaut. Als Generalmusikdirektor verpflichtete die Regierung der „DDR" Erich Kleiber, der diesen Posten schon bis zu seiner Emigration im Jahr 1935 innegehabt hatte. Kleiber machte allerdings zur Bedingung, daß die Oper genauso aufgebaut werde, wie sie Knobelsdorff errichtet hatte. Als man aber auf der Stirnseite der Oper die einstige Inschrift "Fridericus Rex Apollini et musis" (König Friedrich dem Apollo [als dem Gott der Künste] und den Musen) änderte, nahm Kleiber dies zum Anlaß, auf die ihm angebotene Stelle zu verzichten. Wahrscheinlich kam dieser Grund Kleiber gelegen, nachdem er seit der Rückkehr aus der Emigration gemerkt hatte, wie die Dinge in der „DDR" liefen. Neben Kleiber wirkte übrigens an der alten Staatsoper bis 1938 als Kapellmeister Leo Blech, obschon er Volljude war. In diesem Punkt zeigte sich der Hausherr der Staatstheater, Hermann Göring, großzügig, obwohl er sonst Gewalttaten keineswegs scheute. Wir erinnern nur an das Blutbad, das er gelegentlich des sogenannten Röhm-Putsches 1934 in Berlin anrichtete.

Regierung durch das Kabinett

Friedrich der Große hatte allein „aus dem Kabinett" regiert, unter seinen Nachfolgern wurde daraus mehr und mehr eine Regierung „durch das Kabinett". Er machte sich große Sorgen, wie die Dinge unter seinem Nachfolger laufen würden. Dieser war sein Neffe: Friedrichs vom Vater erzwungene Ehe mit Elisabeth Christine von Braunschweig war kinderlos geblieben. In seiner zynischen Art äußerte er sich über den späteren Friedrich Wilhelm II.: „Wenn aber mein Herr Neffe in seiner Schlaffheit einschlummert, sorglos in den Tag hineinlebt, wenn er, verschwenderisch wie er ist, das Staatsvermögen verschleudert und nicht alle Fähigkeiten seiner Seele neu aufleben läßt, so wird Herr Joseph (gemeint ist Kaiser Joseph II. von Österreich) - ich sehe es voraus - ihn über die Löffel barbieren, und binnen 30 Jahren wird weder von Preußen noch vom Hause Brandenburg mehr die Rede sein." Nun, wir wissen, daß es nicht ganz so schlimm kam, wie Friedrich II. hier prophezeite, aber viel hat nicht gefehlt, daß es so wurde, allerdings erst unter Friedrich Wilhelm III. Und daß der von Friedrich dem Großen vermutete Zerstörer Preußens nicht Joseph IL, sondern Napoleon hieß, von dem der König natürlich nichts ahnen konnte. Auch nach dem Frieden von Hubertusburg war das Mißtrauen Friedrichs gegen die schlesischen Katholiken wachgeblieben, zumal gegen die hohe Geistlichkeit und die Magnaten, die weiterhin nach Österreich tendierten. Für den Fall eines neuen Krieges mit Österreich riet er, vor allem das Breslauer Domkapitel nach Magdeburg oder Stettin zu deportieren. Einseitig auf die französische Kultur eingeschworen, sah Friedrich nicht, daß gerade zu seiner Zeit Ostpreußen, das er freilich nicht sehr liebte, weil es dem russischen Zaren gehuldigt hatte, die Heimat von Männern wie Kant, Herder und Hamann war, die die deutsche Geistesgeschichte entscheidend geprägt haben.
Wir deuteten schon an, daß Haffner Friedrich Wilhelm II. nicht für einen solchen Schwächling hielt wie sein Vorgänger und die meisten Historiker. Man habe ihm seine Mätressen und Nebenfrauen nicht verziehen. Haffner begründet seine positivere Meinung über den König vor allem damit, daß unter ihm Preußen bei den Teilungen Polens von 1793 und 1795 durch die Gewinnung von Südpreußen mit der Hauptstadt Posen und Neuostpreußen mit Warschau einen riesigen Landzuwachs erhalten habe. Im 18. Jahrhundert sei ein Zweivölkerstaat, wie es Preußen jetzt wurde, durchaus nicht anstößig gewesen. Die Polen hätten in ihrer Glanzzeit auch nicht gezögert, sich litauische, weißrussische, ukrainische, in Westpreußen auch deutschbesiedelte Gebiete einzuverleiben. Allerdings muß auch Haffner zugeben, daß durch die Teilungen viele Polen zu Nationalisten geworden sind. Doch nimmt er auch die Gelegenheit wahr, um dem Historiker Treitschke und seinen Gesinnungsgenossen zu widersprechen, die meinten, Friedrich Wilhelms Polenpolitik habe sich nicht mit Preußens „deutscher Sendung" vertragen, die angeblich schon mit dem Großen Kurfürsten, spätestens aber mit Friedrich dem Großen begonnen habe. Mit Recht sagt Haffner: „An eine ,deutsche Sendung` Preußens dachte kein Mensch, am wenigsten die Deutschen, aber auch die Preußen nicht." So hatte gerade Friedrich der Große einmal geäußert, Elsaß-Lothringen müsse bei Frankreich bleiben. Auf das Pluskonto der Regierung Friedrich Wilhelms II. und seines Nachfolgers kann das reiche kulturelle Leben gesetzt werden, das sich zu ihrer Zeit in Berlin entfaltete. Wir erwähnen den Bau des Brandenburger Tors durch Langhans mit der Quadriga Schadows, die Napoleon nach Paris mitnahm und Blücher zurückbrachte, sowie die Gegenwart vieler romantischer Dichter, von denen wir nur unsere Ostpreußen E. T. A. Hoffmann und Zacharias Werner nennen.

Der völlige Zusammenbruch

Friedrich Wilhelm III. (seit 1797) war ein ängstlicher Zauderer. Seine friedliebende Einstellung könnte einem sympathisch sein, sie führte aber zu einer verhängnisvollen Isolierung Preußens. Daß das Ziel Napoleons, des Überwinders und Vollstreckers der Französischen Revolution, der sich 1804 die Kaiserkrone selbst aufs Haupt setzte, die Herrschaft über ganz Europa war, erkannte der König nicht. Er sah seinem Vordringen nach Mitteleuropa tatenlos zu. Nach der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz in Mähren (1805) und der Gründung des Rheinbundes stand Preußen tatsächlich isoliert da und wurde zu einem Spielball in Napoleons Händen, der Friedrich Wilhelm IL, um ihn einzulullen, einmal sogar den Kaisertitel anbot, ebenso wie er den Rheinbundfürsten zu Rangerhöhungen verholfen hatte. So wurden z. B. die Herren von Württemberg und Bayern von seinen Gnaden Könige, und sie dachten nach Napoleons Sturz nicht daran, ihre Kronen abzulegen. Rußland, das Napoleons Vordringen nach Osten argwöhnisch gegenüberstand, konnte nach der Niederlage bei Austerlitz keine unmittelbare Hilfe leisten. Als die kriegerische Auseinandersetzung mit Napoleon unvermeidlich wurde, zeigten sich die negativen Auswirkungen des „Maschinenstaates" Preußen: „Dem ganzen Heer fehlte die Begeisterung, dem Volk die Opferwilligkeit", bemerkt lakonisch der gute alte Ploetz. In den Schlachten von Jena und Auerstedt 1806 wurde die preußische Armee vernichtend geschlagen. Noch deprimierender als diese Niederlage war die Art, wie Preußen danach wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Nur einige wenige Festungen hielten sich, so Graudenz unter Courbière und Kolberg unter Gneisenau. Als die Russen mit zwei Heeren Ostpreußen erreicht hatten, wurden sie nach der unentschiedenen Schlacht bei Pr. Eylau und einem Gefecht bei Heilsberg am 10. Juli 1807 bei Friedland von Napoleon schwer geschlagen. Die preußische Königsfamilie war inzwischen an das äußerste Nordende des Staates nach Memel geflüchtet. Der bekannte Ausspruch der Königin Luise aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz: „Wir sind auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafen." Vergeblich versuchte sie mutig durch eine persönliche Intervention Napoleon zu einem milden Frieden zu bewegen. Napoleon war von ihrem Charme und ihrer Klugheit angetan, machte ihr aber keine Zugeständnisse. Im Tilsiter Frieden mußte Preußen alle Gebiete westlich der Elbe abtreten (zu den Erwerbungen von 1614 waren in der Zwischenzeit noch Halberstadt, Minden, Magdeburg, Moers, Lingen, Quedlinburg, Tecklenburg, Ostfriesland, Münster, Paderborn, Hildesheim, Bayreuth u. a. hinzugekommen). Auf die Erwerbungen der zweiten und dritten Teilung Polens mußte Preußen zugunsten des neugegründeten Herzogtums Warschau verzichten. Die Kriegsentschädigung wurde auf 140 Millionen festgesetzt, damals eine horrende Summe. Schließlich durfte Preußen nur ein Heer von 42 000 Mann unterhalten. In einigen Schlüsselstellungen wurden starke französische Besatzungen konzentriert.

Die innere Erneuerung  

Preußen schien hoffnungslos am Boden zu liegen, da erwachten in ihm Kräfte zur inneren Erneuerung, die niemand von ihm erwartet hatte. Reformen, die von einsichtigen Männern längst vorbereitet worden waren, die aber wegen der ewigen Unentschlossenheit des Königs trotz des Eintretens seiner Frau Luise für sie nicht durchgeführt worden waren, wurden jetzt Schlag auf Schlag in Angriff genommen. Ihr Ziel war, kurz gesagt, aus dem Untertan einen Staatsbürger zu machen. Es bleibt schon merkwürdig, daß es Persönlichkeiten vom Range Steins und Hardenbergs, Schamhorsts und Gneisenaus, die alle Nichtpreußen waren, in den Dienst ausgerechnet des „Maschinenstaates" gezogen hatte. Gablentz meint, es sei die Faszination gewesen, die immer noch von Friedrich d. Gr. ausgegangen sei. Spürten die genannten Männer, daß aus Preußen doch ein moderner Staat zu machen sei? Zu ihnen kamen Preußen wie Wilhelm von Humboldt, Boyen, Clausewitz und Schön, den wir bisher nur als scharfen Gegner der Schul- und Bildungspolitik des ermländischen Bischofs Josef von Hohenzollern kennengelernt haben. Gerade aber die erste der Reformen, die Bauernbefreiung, sollte insofern zu einem Fiasko werden, als sie nur den größeren Bauern zugute kam. Sie wurde durch ein Edikt vom 9. Oktober 1807 verkündet. Leider mußte der König Stein bereits 1808 auf Veranlassung Napoleons entlassen, und so wurde die von Stein bewirkte Landreform später ins Gegenteil verkehrt. In einem Gesetz von 1816 wurde den Gutsherren, die von Anfang an gegen die Reform waren, die Möglichkeit gegeben, die Grundstücke der Kleinbauern einzuziehen und sie so zu besitzlosen Landarbeitern zu machen, also "auszubauern", ein Ausdruck, den man heute nur noch beim Sechsundsechzig kennt. Rund eine Million Hektar Bauernland soll nach 1816 an den Großgrundbesitz verlorengegangen sein. Sehr scharf urteilt der bedeutende Historiker Franz Schnabel („Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert"): Das reaktionäre Edikt von 1816 habe zu einer Massenproletarisierung geführt, wie sie die deutsche Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg und der Inflationszeit nicht gekannt habe. Im Ermland war die „Regulierung" der bäuerlichen Verhältnisse bereits 1772 nach seiner Besitznahme durch Preußen erfolgt. Ohnehin gab es hier keine großen Güter, die Bauern „legen" konnten. Allerdings herrschten auch hier in den französischen Kriegen und später noch furchtbare Notzeiten, doch blieb den Bauern ihr Besitz erhalten.
Die Kabinettsregierung, die, wie wir schon hörten, längst zu einer Regierung durch das nicht verantwortliche Kabinett geworden war und gegen die Stein besonders heftig zum Unwillen des Königs opponiert hatte, wurde durch ein verantwortliches Ministerium ersetzt mit den sozusagen klassischen Ministern für Äußeres, Inneres, Krieg, Finanzen und Justiz. Heute haben selbst kleinere Staaten ein Mehrfaches an Ministern. Die Erwerbung adliger Güter wurde auch den Bürgerlichen freigegeben. Die Städteordnung von 1808 sollte den Bürgern am Gemeinwesen interessieren und ihn daran teilnehmen lassen. Steins Nachfolger Hardenberg hob den Zunftzwang auf und führte dadurch die Gewerbefreiheit ein. 1812 folgte das Edikt über die Emanzipation der Juden.
Scharnhorst bewirkte die Neuordnung des Heeres aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht, die aber erst 1814 zum Gesetz erhoben wurde. Die Möglichkeit, daß fortan auch Bürgerliche in Offiziersstellen einrücken konnten, wurde besonders von Gneisenau begrüßt. Das Bildungswesen wurde von Wilhelm von Humboldt im Geiste des deutschen Idealismus neu gestaltet. 1810 wurde die Berliner Universität gegründet, kurz darauf die Universität Frankfurt a. d. Oder nach Breslau verlegt und mit der alten Jesuitenuniversität in deren herrlichem Barockbau vereinigt. Die Krönung des Reformwerkes sollte eine Verfassung für das ganze Land bilden, deren Kernstück eine Volksvertretung sein sollte. Sie wurde wohl vom König mehrfach angekündigt, aber das Versprechen wurde nicht gehalten. So sind die Reformen schließlich doch Stückwerk geblieben. Ein schwerer Verlust für die Reformer und ganz Preußen war der Tod der erst 34jährigen Königin Luise (1810). Ihr zu Ehren gestaltete der ostpreußische Dichter Max von Schenkendorf eine weihevolle Trauerfeier in der katholischen Propsteikirche zu Königsberg 2). Gemäß dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 erfolgte durch ein königliches Edikt vom 30. 10. 1810 auch die Säkularisation der Kirchengüter im Osten Preußens. Schon zuvor, am 28. 9. 1810, war eine königliche Kabinettsorder an den Staatsminister Graf zu Dohna ergangen, in der von den vier Präbenden des „entbehrlichen" Guttstädter Kollegiatstifts drei zur dringend notwendigen Herstellung des in Verfall geratenen „kath. Seminarii (also des Priesterseminars) zu Braunsberg" eingezogen wurden. Vergeblich protestierte Bischof Josef von Hohenzollern gegen die königliche Verfügung mit dem Hinweis, daß die Existenz des Priesterseminars auch ohne die Aufhebung des Guttstädter Stiftes gesichert sei. Der „Zeitgeist", von dem der letzte Stiftspropst Rochus Krämer spricht und der das erwähnte Edikt bewirkte, ließ eine Zurücknahme der königlichen Verfügung nicht zu. Der „Zeitgeist" war es auch, der den Abbruch der wunderbaren Franziskanerkirche in Braunsberg veranlaßte.
1812 zog Napoleon gegen Rußland, das sich der Kontinentalsperre gegen seinen Hauptfeind England nicht angeschlossen hatte. Preußen, das Napoleon zu einem Bündnis gezwungen hatte, stellte ein Hilfskorps von 20 000 Mann unter den Befehl des Generals Yorck. Tatsächlich drang Napoleon bis Moskau vor. Was Hitler nicht geschafft hat, der auch sonst aus dem Debakel Napoleons nichts gelernt hatte. Als die Russen selbst ihre Stadt anzündeten, mußte Napoleon bei größter Kälte den Rückzug antreten. Nachdem sie bereits beim Einmarsch in Rußland schwerste Verluste erlitten hatten, wurden die Truppen Napoleons jetzt fast völlig aufgerieben. Von den 600 000 Mann der Großen Armee sind 552 000 gefallen oder in russische Gefangenschaft geraten. Napoleon fuhr im Eiltempo dem Rest seines Heeres voraus nach Paris. In einem Alleingang schloß Yorck, der Befehlshaber des preußischen Hilfskorps, das am äußersten linken Flügel eingesetzt, der Vernichtung entgangen war, mit dem russischen General Diebitsch am 30. Dezember 1812 die Konvention von Tauroggen, wodurch der Auftakt zur Erhebung Preußens gegeben wurde. Der König war freilich sehr unwillig über die Eigenmächtigkeit Yorcks, weil er französische Repressalien fürchtete. Noch 1811 hatte er zu einer Denkschrift Gneisenaus, die den Volkskrieg gegen Napoleon forderte, gesagt: „Als Poesie gut!" Schließlich gab er nach der Katastrophe Napoleons in Rußland wider seine eigene Meinung nach und erklärte im Bündnis mit dem Zaren den Franzosen den Krieg. Es war fast unheimlich, wie Napoleon nach den ungeheuren Verlusten im russischen Feldzug wieder so rasch eine kampfkräftige Armee aus Franzosen und Rheinbundtruppen auf die Beine brachte und bis Schlesien vordrang. Wir Alten sollen von der uns in der Schule eingelernten Vorstellung Abschied nehmen, daß es sich bei den Befreiungskriegen um einen Volkskrieg handelte. Gewiß erließ Friedrich Wilhelm III. den berühmten Aufruf an sein Volk, von Breslau aus, weil er sich in Potsdam nicht mehr vor dem Zugriff der Franzosen sicher fühlte, und er stiftete auch das Eiserne Kreuz. Aber Schoeps sagt es, und Haffner stimmt ihm zu, daß es sich um „ein vom Volk bejahtes militärisches Unternehmen verbündeter Kabinette" handelte 3).

Die Entscheidungsschlacht bei Leipzig  

Wie recht Friedrich Wilhelm III. diesmal mit seinem Zögern hatte - er wollte den Krieg ohne Teilnahme Österreichs nicht beginnen -, zeigte sich in seiner ersten Phase, als die Franzosen die Preußen und Russen mehrfach schlugen. Wieder stand das Schicksal Preußens auf des Messers Schneide. Aufgrund der beiderseitigen schweren Verluste kam es zu einem sechswöchigen Waffenstillstand. Währenddessen machte Napoleon den Österreichern und auch den Russen die verlockendsten Angebote, deren Annahme die völlige Auslöschung Preußens von der Landkarte bedeutet hätte: Schlesien sollte zurück an Österreich fallen, Ostpreußen an Rußland, Westpreußen an ein wieder zu gründendes Polen, Brandenburg mit Berlin an Sachsen. Der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich ging aber auf die Vorschläge des Schwiegersohns des Kaisers - gerade auf sein Drängen hatte die Erzherzogin Maria Luise 1810 Napoleon geheiratet - nicht ein, weil er Preußen zur Erhaltung des Mächtegleichgewichts in Europa für notwendig hielt, zumal Napoleon sich nicht hinter den Rhein zurückzuziehen gedachte. So trat Österreich an die Seite der Verbündeten, und in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 wurde Napoleon entscheidend geschlagen. Es erübrigt sich, den Verlauf der Befreiungskriege von 1813/14 und 1815 im einzelnen zu schildern. Wen er interessiert, der greife zu dem Buch des englischen Historikers Roger Parkinson über Blücher (1979 bei Heyne als Taschenbuch erschienen). Es fließt in diesem Buch allerdings sehr viel Blut. Der preußische General und spätere Feldmarschall und Fürst Blücher wurde 1813 der Oberbefehlshaber der aus preußischen und russischen Truppen bestehenden Schlesischen Armee. Sein Generalstabschef war zunächst Scharnhorst, nach dessen Tod an einer vernachlässigten Wunde Gneisenau. In den zwanziger Jahren wurde in Max Reinhardts „Deutschem Theater" in Berlin ein Schauspiel von Wolfgang Götz „Gneisenau" aufgeführt. Schon der Titel des Stückes und die Besetzung der Hauptrolle mit dem ersten deutschen Schauspieler Werner Krauss und der des Blücher mit dem Komiker Otto Wallburg läßt die Tendenz des Dramas erkennen. Die Aufführung löste eine heftige Diskussion in der Berliner Presse aus, in der sich der frühere Reichskanzler und derzeitige Außenminister Gustav Stresemann auf die Seite Blüchers stellte. Napoleon urteilte über ihn: „Der alte Teufel griff mich immer wieder mit der gleichen Kraft an. Wenn er geschlagen war, zeigte er sich einen Augenblick später bereits wieder zum Kampfe bereit." Schließlich Blücher selbst: „Es war meine Verwegenheit, Gneisenaus Besonnenheit und des großen Gottes Barmherzigkeit." Wobei sich eine solche Berufung auf Gott in dem Zusammenhang zumindest etwas seltsam ausnimmt.

Der Wiener Kongreß

Mit der Verbannung Napoleons auf die einsame Atlantikinsel St. Helena fanden die von ihm veranlaßten Kriege ein Ende. Inzwischen war in Wien ein Kongreß der europäischen Mächte zusammengetreten, um die durch Napoleon verwirrte Landkarte neu zu ordnen. Maßgeblicher Mann war bei dem Kongreß Fürst Metternich, von Hause aus übrigens ein Rheinländer. Auch Frankreich wurde zu dem Kongreß als gleichberechtigter Partner zugelassen, glänzend vertreten durch den mit allen Wassern gewaschenen Talleyrand. Was uns sehr verwundert, denken wir nur an die Behandlung, die hundert Jahre später Deutschland durch die Siegermächte zuteil wurde. Die erste Enttäuschung bereitete der Kongreß den Polen, die von ihm die Wiederherstellung ihres Staates erwartet hatten. Die drei Teilungsmächte dachten nicht daran, auf ihre Beute zu verzichten. Doch kam es zu einer bedeutenden Verschiebung: Rußland steckte sich den Löwenanteil an polnischem Gebiet ein, das sog. Kongreßpolen mit Warschau. Preußen blieb auf Westpreußen und zur Abrundung seines Gebietes auf Posen beschränkt. Sachsen, das Preußen gern vollständig vereinnahmt hätte, mußte immerhin die Hälfte seines Gebietes abgeben. Im übrigen wurde im Westen Deutschlands ein Tauschhandel betrieben, den wir hier nicht in allen Einzelheiten aufzählen können. Aus den Preußen zugestandenen Gebieten entstanden die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz. Ansbach und Bayreuth gingen an Bayern, der Rest von Vorpommern wiederum an Preußen.
Schalten wir hier eine hochinteressante Feststellung Konrad Adenauers ein. Bei einer Gelegenheit fragte er den englischen Hochkommissar, welches der größte Fehler Englands in seiner Geschichte gewesen sei. Der Hochkommissar tippte auf München oder Jalta. Aber Adenauer hatte den Wiener Kongreß im Auge: „Preußen wollte doch nur Sachsen. England hat es gezwungen, an den Rhein zu gehen, und den Schwerpunkt der preußischen Macht nach Westen verlagert. Das war es, was erst Deutschland und dann Europa zerstört hat." Es wäre zu billig, in den Worten Adenauers den ihm zugesagten antipreußischen Affekt zu sehen. Erinnert sei hier nur an die Äußerung von Gablentz, daß das Preußentum von Haus aus die politische Lebensform des deutschen Ostens sei. Adenauer meinte, daß durch die Zuteilung des Rheinlandes an Preußen dieses eine gemeinsame Grenze mit Frankreich bekommen habe, woraus sich am Ende die von ihm genannten Folgerungen gewissermaßen zwangsläufig ergeben hätten. England, das sich weiterhin von Frankreich bedroht glaubte, wies in Wien als Gegengewicht Preußen „die Wacht am Rhein" zu. Im übrigen sind die Rheinländer anders als die Westfalen, von denen viele die urpreußischen Vornamen Friedrich (Fritz) und Wilhelm (Willi) tragen - auch Frau Wilhelmine Lübke aus dem Sauerland darf hier genannt werden -, die Tatsache niemals richtige Preußen geworden. Woran auch nichts ändert, daß dort, wo das Rheinland am rheinischsten ist, also in Köln, die Hohenzollernbrücke von den hoch zu Roß reitenden letzten vier Hohenzollernherrschern flankiert wird und daß noch heute in Köln drei Gymnasien nach Hohenzollern benannt sind: das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, die Königin-Luise-Schule und die Kaiserin-Augusta-Schule.
Ein uns Heutige ein wenig seltsam anmutendes Ergebnis des Wiener Kongresses war die Hl. Allianz mit einer allgemeinchristlichen Tendenz, zu der sich die drei Monarchen von Rußland, Österreich und Preußen zusammenfanden und der sich die anderen Monarchien anschlossen außer einigen wenigen, z. B. England. Was auch immer dieser Hl. Allianz nachgesagt werden kann: sie hat zumindest für ein gutes Menschenalter den Frieden in Europa gesichert.
Drum gibt es nicht Preußen und Östreicher mehr,
Nicht Bayern, auch Sachsen noch Hessen.
Wir alle sind nur Ein deutsches Heer,
Was uns trennte, wir haben's vergessen:
Wir Deutschen, wir reichen uns Deutschen die Hand,
Nur der Deutsche soll herrschen im deutschen Land.
Der diese Verse dichtete, ist Zacharias Werner - derselbe Werner, der in der Zeit, als er preußischer Beamter in den bei den Teilungen vereinnahmten polnischen Gebieten war, den Freiheitskampf der Polen unter Tadeusz Kosciuszko in enthusiastischen Liedern besang. Wir haben schon an anderer Stelle den polnischen Werner-Forscher Kozielek zitiert, der auf seinen angleichungsfähigen Charakter hinwies, „der ihn völlig vorbehaltlos in der jeweiligen Umgebung aufgehen ließ" (ZGAE 1978, S. 32). In diesem Fall ging es schließlich um sein eigenes deutsches Vaterland.
Wenn mit Werner die deutschen Patrioten gehofft hatten, daß das „Eine deutsche Heer" „Ein deutsches Reich" wiedererkämpfen werde, so wurden sie schwer enttäuscht. Das alte Reich, genannt das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation", hatte sein Leben in den Wirren der Napoleonischen Kriege endgültig ausgehaucht. Es war ohnehin längst zu einem Monstrum geworden. Auf seinem Boden hatte sich der Dreißigjährige Krieg abgespielt. Während noch Friedrich Wilhelm I. trotz allem Ärger, den ihm der hochfahrende Wiener Hof bereitete, niemals die Hand gegen den Kaiser erhoben hätte, nahm sein Sohn Friedrich IL solche Rücksichten nicht. Die Schlesischen Kriege führten in Deutschland zu einem Dualismus zwischen Österreich und dem siegreichen Preußen. Den letzten Todesstoß gab dem alten Reich die Gründung des Rheinbundes durch Napoleon im Juli 1806, dem alle deutschen Fürsten beitraten außer Preußen, Österreich, Braunschweig und Kurhessen. So war es nur konsequent, daß Kaiser Franz IL, der schon 1804 als Franz I. den Titel eines Kaisers von Österreich angenommen hatte, noch 1806 die deutsche Kaiserkrone niederlegte. Alle Bemühungen des Freiherrn vom Stein, nach der Niederlage Napoleons die Kaiserwürde unter den Habsburgern wiederherzustellen, blieben vergeblich. Der Deutsche Bund, von dem gleich die Rede sein wird, war nicht im geringsten das, was die deutschen Patrioten nach den Befreiungskriegen erwartet hatten.

Köln nicht Provinzialhauptstadt

Ergänzen wir den Verlauf des Wiener Kongresses in der letzten Folge noch dahingehend, daß Preußen doch einen Teil von Sachsen zugesprochen bekam, aber nicht das ganze, das es, wie auch Adenauer meinte, gern haben wollte, einschließlich der Hauptstadt Dresden und der Messestadt Leipzig, die beim Restkönigtum Sachsen blieben. Aus den meisten Preußen zugesprochenen sächsischen und einigen angrenzenden Gebieten wurde 1816 die Provinz Sachsen mit der Hauptstadt Magdeburg gebildet. Jedenfalls griff Preußen, das Napoleon im Tilsiter Frieden von 1807 auf seine ostelbischen Gebiete beschränkt hatte, nach dem Wiener Kongreß wieder weit über die Elbe nach Westen hinaus - nach Adenauers Ansicht eben viel zu weit. Mit dem von Napoleon gegründeten Königreich Westfalen hatte es ein Ende. Das eigentliche Westfalen, das zum großen Teil schon früher preußisch gewesen war, wurde mit einigen Ausnahmen zu einer preußischen Provinz mit der Hauptstadt Münster. Eine Bemerkung noch zur Wahl der Hauptstadt der Rheinprovinz. An sich hätte sie Köln heißen müssen. Aber im „heiligen Köln" residierte der Erzbischof der bedeutendsten preußischen Diözese, und so hätte der Oberpräsident womöglich in seinem Schatten gestanden. Auf diese Weise kam Koblenz zur unverhofften Würde der Provinzialhauptstadt. Von 1849 bis 1857 war die Stadt auch die Residenz des Militärgouverneurs von Rheinland und Westfalen, Prinz Wilhelm von Preußen.
Man hat das 19. Jahrhundert das Zeitalter des Nationalismus genannt. Dieser ist auch im 20. Jahrhundert noch keineswegs überwunden. Die Nationen forderten ihren eigenen Nationalstaat. Während viele von ihnen „im wohltuenden Dunkel der Geschichte" zu ihrem eigenen Staat gekommen waren, so Frankreich, Rußland, Spanien, Portugal, England, seien am Beginn des 19. Jahrhunderts, so sagte man, zwei Nationen ohne ihren Staat gewesen, die deutsche und die italienische. Kein Wort verloren in diesem Zusammenhang unsere Geschichtsprofessoren über die polnische Nation, auch nicht über die anderen kleineren slawischen Völker Europas. Dabei war es der deutsche Dichter und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder gewesen, der durch seine Sammlung „Stimmen der Völker in Liedern" und durch seine Geschichtstheorien das Selbstbewußtsein gerade der slawischen Völker geweckt und gestärkt hatte. So existiert heute nicht ohne Grund in seiner Geburtsstadt Mohrungen ein Herdermuseum.
Allerdings hat der nach dem Ersten Weltkrieg gemachte Versuch, auch den west- und südslawischen Völkern und den Völkern im baltischen Raum zu einem Nationalstaat zu verhelfen, bewiesen, daß dieses Prinzip, wie die Beispiele Tschechoslowakei und Jugoslawien zeigen, nicht hundertprozentig zu verwirklichen war und daß sie eines Tages die Beute der stärkeren Nachbarn wurden. Soweit sie nach dem Zweiten Weltkrieg wiedererstanden sind, zahlen sie dafür als Preis den Verlust ihrer Unabhängigkeit, ausgenommen - wenigstens im Moment noch (März 1980) - Jugoslawien. Wir können auf diese Dinge im Rahmen unseres Themas nicht näher eingehen, allenfalls darauf hinweisen, daß die „preußische Staatsidee", wie sie Haffner nennt, einen übernationalen Staat meinte. In den Berliner Parlamenten erklärten um 1870 polnische Abgeordnete, sie könnten sehr wohl Preußen sein, aber niemals Deutsche.

Der kümmerliche Deutsche Bund

Was für die Deutschen nach den Befreiungskriegen als Kompromißlösung herauskam, war dürftig genug: der Deutsche Bund, gebildet von 35 souveränen, d. h. selbständigen, Staaten und vier Freien Städten. Seine oberste Behörde war der Bundestag in Frankfurt, eine Versammlung von Gesandten der Bundesstaaten unter Vorsitz des österreichischen. Preußen gehörte ohne Ost- und Westpreußen und Posen zum Bund. Dagegen wurden der König von England als König von Hannover, der König von Dänemark als Herzog von Holstein, der König der Niederlande als Großherzog von Luxemburg in ihn aufgenommen. Die Mitgliedschaft des Königs von England erlosch 1837 mit der Thronbesteigung der Königin Viktoria, da in Hannover nach dem salischen Gesetz nur die männliche Thronfolge galt. Luxemburg gehörte dem Deutschen Bund bis zu seiner Auflösung (1866) an. Da die Mitgliedstaaten, wie gesagt, souverän waren, gab es keine gemeinsame deutsche Außenpolitik.
Der preußische Staat nach 1815 blieb, wie wir schon festgestellt haben, ohne die vom König versprochene Verfassung. Verschiedene negative Einflüsse wirkten dabei auf den König ein, so das „steigende Gewicht des opponierenden Grundadels" und die Bindung an das autokratische Österreich Metternichs. Die Spannungen, die sich aus solcher Haltung des preußischen Monarchen ergaben, schlugen sich nieder in dem Austritt der liberalen Minister Humboldt, Boyen und Beyme aus der Regierung am Silvestertag 1819 nach heftigen Auseinandersetzungen. Unmittelbarer Anlaß zu diesem Entschluß war die nach der Meinung der drei Minister unerträgliche Annahme der Karlsbader Beschlüsse (von denen gleich die Rede sein wird) durch die preußische Regierung. Wilhelm von Humboldt, der übrigens für eine deutsche Kulturnation anstelle eines deutschen Nationalstaates eintrat, war erst kurz zuvor in das Kabinett eingetreten. Der Kriegsminister v. Boyen hatte 1814 die allgemeine Wehrpflicht nach den Vorstellungen von Scharnhorst eingeführt. Der berühmte Konflikt mit Humboldt und Boyen, schreibt der Historiker Hans Herzfeld in seinem hervorragenden Werk „Die moderne Welt 1789-1945", habe nur den letzten, die Niederlage (der Reformpartei) entscheidenden Wendepunkt bedeutet. Preußen habe sich mit der Bildung eines Staatsrates und der Errichtung bloßer Provinzial- und Kreisstände begnügt. „Der Charakter Preußens als eines übermächtig durch das Bündnis von Monarchie und konservativem Offiziers-, Beamten- und Grundadel bestimmten Staatswesens blieb von dieser schicksalsvollen Krise der Jahre 1815/19 bis zu dem Zusammenbruch von 1918 bestehen." 1842 wurde auch der Oberpräsident und Staatsminister Theodor von Schön in Königsberg wegen seines Eintretens für eine Verfassung und überhaupt seiner liberalen Anschauungen wegen entlassen. Wir werden bald in Jacoby und Simson weiteren Liberalen aus Königsberg begegnen, deren bürgerlicher Liberalismus allerdings anders geartet war als der aristokratische von Schön und seinen Freunden aus dem ostpreußischen Adel. Organ des radikaldemokratischen Forderungen vertretenden Liberalismus war die „Königsberger Hartungsche Zeitung", deren Lektüre in Thomas Manns „Buddenbrooks" der Burschenschafter Morten Schwarzkopf der Lübecker Großbürgerstochter Tony Buddenbrook angelegentlich empfiehlt.

Das Ermland wurde zerschnitten

Unbestreitbar sind die Leistungen, die der preußische Staat nach 1815 auf dem Gebiet der Justiz und Verwaltung vollbrachte. Der systematische Aufbau des Justizwesens: vom Amtsgericht und der Verwaltung bis zum Oberpräsidenten, wurde damals durchgeführt. Ost- und Westpreußen wurden 1824 zu einer Provinz unter dem eben genannten v. Schön vereinigt, 1878 wurden sie wieder getrennt. In Ostpreußen wurde neben Königsberg und Gumbinnen später als dritter Regierungsbezirk Allenstein geschaffen, wobei das Ermland gewiß nicht ohne Absicht zerschnitten wurde; die Kreise Braunsberg und Heilsberg blieben beim Regierungsbezirk Königsberg, neben Allenstein selbst kam auch der Kreis Rößel zum neuen Regierungsbezirk.
Im Jahr 1817 hatte Friedrich Wilhelm III. die Vereinigung der Lutheraner und Reformierten zur Evangelischen Union verfügt. Dieser Verwaltungsakt wurde freilich nicht ohne Widerspruch hingenommen. Immerhin hat sich die Bezeichnung „evangelisch" im amtlichen und allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. Am liebsten hätte der König auch die katholische Kirche in die Union einbezogen, was sich aber als unmöglich erwies. Wohl aber mußten die katholischen Soldaten einmal im Monat am evangelischen Gottesdienst teilnehmen. Die Verhältnisse mit der katholischen Kirche wurden durch die einem Konkordat gleichkommende Bulle „De salute animarum" von 1821 geregelt. Mit der Ausführung der Bulle wurde der ermländische Bischof Joseph von Hohenzollern-Hechingen beauftragt. Dessen Berufung auf den Kölner Erzbischofstuhl, für die sich besonders der berühmte Publizist Görres einsetzte (oder war es der Dichter Clemens von Brentano?), scheiterte an der Weigerung Josephs, der erklärte, die Zeit für Bischöfe aus fürstlichem Geblüt sei vorüber.
Eine bedeutende Leistung aus der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. war die nach den Ideen des großen Schwaben Friedrich List erfolgte Gründung des Deutschen Zollvereins (1834), bei der das Hauptverdienst dem preußischen Finanzminister v. Motz zukam.

Die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse

Sehr zustatten kam den in der Hl. Allianz zusammengeschlossenen Mächten die Ermordung des Dichters und russischen Staatsrats August v. Kotzebue durch den Studenten Sand in Mannheim. Dieser hatte Kotzebue nicht wegen seiner schlechten Theaterstücke umgebracht, sondern weil er in seiner Zeitschrift die Deutschen Burschenschaften verspottet hatte. Die vom Geist der Befreiungskriege getragenen studentischen Verbindungen waren zum ersten Mal 1817 beim Wartburgfest an die Öffentlichkeit getreten. Ihre Farben Schwarz-Rot-Gold wurden das Sinnbild der deutschen Nationalbewegung. Die reaktionäre Haltung der führenden Mächte bewirkte eine steigende Radikalisierung der Burschenschaften, wie sie in dem Attentat Sands zum Ausdruck kam. Auf einer von Metternich nach Karlsbad einberufenen Ministerkonferenz wurden Beschlüsse gegen die liberale und nationale Bewegung gefaßt, die u. a. die Überwachung der Universitäten, Zensur der Druckschriften sowie die Einsetzung einer Untersuchungskommission gegen demagogische, d. h. "volkverhetzende", Umtriebe vorsahen. Es kam zur sogenannten Demagogenriecherei, deren bekanntestes Opfer in Preußen neben Ernst Moritz Arndt, der seiner Bonner Geschichtsprofessur beraubt wurde, der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter war. Als Mitglied einer Jenaer Burschenschaft wurde er in Preußen 1833 zunächst zum Tode, dann zu 30 Jahren Festungshaft verurteilt, schließlich 1840 begnadigt und in sein Heimatland Mecklenburg abgeschoben. Seine Erfahrungen als Häftling hat er in seinem Buch "Ut mine Festungstid" niedergelegt. Sein "Ut mine Stromtid" mit der prächtigen Gestalt des Onkel Bräsig gehört in die erste Reihe der deutschen Romane. Diejenigen von uns, die ihn nicht in der plattdeutschen Originalsprache lesen können, mögen zu der jetzt erschienenen allgemein gelobten Übertragung ins Hochdeutsche greifen.
Die letzten Regierungsjahre Friedrich Wilhelms III. wurden überschattet von dem sogenannten Kölner Kirchenstreit. Der 1824 zum Erzbischof von Köln ernannte Graf Spiegel hatte in einer geheimen Vereinbarung mit dem Staat die kirchliche Einsegnung konfessionsverschiedener Ehen ohne die Zusage der katholischen Kindererziehung gestattet. Spiegels Nachfolger, der Westfale Freiherr Droste zu Vischering (1833), forderte dagegen die katholische Kindererziehung auch in Mischehen und wurde deshalb von der preußischen Regierung festgesetzt. Die breitere Öffentlichkeit wurde auf den Kölner Kirchenstreit durch die Kampfschrift "Athanasius" von Josef Görres aufmerksam gemacht. Das gleiche Schicksal wie Droste-Vischering ereilte den Erzbischof von Gnesen-Posen v. Dunin, der die Haltung seines Kölner Amtsbruders teilte. Wobei man staatlicherseits wohl befürchtete, daß in seinen Diözesen eine katholische Kindererziehung Polonisierung bedeutete.
Eine kleine Bemerkung ganz am Rande: Unsere ermländischen Whistbrüder wird die Feststellung eines Chronisten vergnügen, daß die wirklichen politischen Entscheidungen unter Friedrich Wilhelm III. am allabendlichen Whisttisch des Hausministers Fürst Wittgenstein fielen.

Vollendung des Kölner Domes

Dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. (1840) sah man allgemein mit großen Erwartungen entgegen. Zunächst überraschte er sein Volk dadurch, daß er ausführliche Reden hielt, was noch keiner seiner Vorgänger getan hatte. Es waren keine politischen, eher fromme Deklamationen. Er traf aber sofort auch eine Reihe von populären Maßnahmen. Ernst Moritz Arndt wurde wieder in seine Bonner Professur eingesetzt und Boyen wieder zum Kriegsminister ernannt. Für die verhafteten Burschenschafter wurde eine Amnestie verkündet. Nachdem bereits 1839 der Kölner Erzbischof Droste-Vischering aus der Haft entlassen worden war, durfte jetzt auch Dunin auf seinen erzbischöflichen Stuhl zurückkehren. Im Kultusministerium richtete der König eine katholische Abteilung ein. Das Placet, d. h. die Genehmigung kirchlicher Gesetze durch den Staat, wurde aufgehoben. Auch wurde unter seiner Regierung alsbald der Weiterbau des Kölner Domes in Angriff genommen, nachdem die Bauarbeiten 1560 eingestellt worden waren. Die Weihe des vollendeten Doms 1880 stand unter keinem günstigen Stern: Wohl nahm Kaiser Wilhelm I. daran teil, aber der Erzbischof Paulus Melchers war 1876 im Kulturkampf abgesetzt worden und lebte im Ausland. Der Ausbau des Kölner Domes im Westen Preußens war das Gegenstück zur Wiederherstellung der Marienburg im Osten. In beiden Fällen gaben Romantiker einen entscheidenden Anstoß: bei der Marienburg Max v. Schenkendorf und Joseph v. Eichendorff, beim Kölner Dom Friedrich v. Schlegel.
Die Hoffnungen, die das Volk auf den neuen König hinsichtlich der alsbaldigen Verkündigung einer Verfassung gesetzt hatte, erfüllten sich nicht. Es kam lediglich 1847 zur Einberufung der Provinzialstände, die den Vereinigten Landtag bildeten. Ihm fehlte das wesentliche Moment eines Parlaments, die Periodizität, d. h., er durfte nicht regelmäßig tagen, sondern mußte warten, bis ihn der König einberief. Immerhin wurde zu den Verhandlungen die Presse zugelassen und dem Vereinigten Landtag das Recht zugestanden, neue Steuern zu bewilligen.

Eine Revolution aus Versehen

Doch die dem Vereinigten Landtag gemachten Zugeständnisse genügten nicht mehr. In Frankreich war 1848 wieder einmal eine Revolution ausgebrochen, die nach Deutschland überschwappte. Es kam in mehreren Städten des Bundesgebietes zu Aufständen, die von Regierungstruppen unterdrückt wurden.
Der Aufstand in Wien zwang Metternich, der jahrzehntelang die Zügel Europas in seinen Händen gehalten hatte, zur Flucht nach England. In Berlin erließ der König ein Patent, in dem er endlich eine preußische Verfassung versprach. „Aber wie so oft bei diesem König kam alles - der gute Wille und die rechte Einsicht -einen Posttag zu spät." Vor dem Berliner Schloß war in der Freude über die königlichen Zugeständnisse eine Menschenmenge zusammengeströmt, als im Gedränge aus Versehen zwei Schüsse fielen, die keinen verletzten, aber eine unbeschreibliche Wut auslösten. Es kam zu Barrikadenkämpfen zwischen den aufgeregten Volksmassen und dem Militär. Auf Befehl des Königs verließen die Truppen Berlin, und eine Bürgerwehr übernahm den Schutz des Schlosses und der Stadt. Der König wurde gezwungen, mit einer schwarzrotgoldenen Binde am Arm (andere sagen: hinter einer schwarzrotgoldenen Fahne) durch die Stadt zu reiten, und stellte sich mit dem Ausspruch „Preußen geht fortan in Deutschland auf!" (woran er nachher nicht im Traum dachte) an die Spitze der nationalen Bestrebungen. Auf Grund allgemeiner und gleicher Wahlen trat am z. Mai die preußische Nationalversammlung zusammen. Prinz Wilhelm, der Bruder und Nachfolger des Königs - dessen Ehe mit Elisabeth von Bayern war kinderlos geblieben -, wollte die Revolution mit Gewalt unterdrücken, was ihm den Beinamen „Kartätschenprinz" eintrug und ihn zur Flucht nach England nötigte.
Nachdem Ende Oktober 1848 Wien durch die kaiserlichen Truppen wiedererobert und die Revolution dort endgültig niedergeschlagen worden war, gewannen auch in Berlin die reaktionären Kräfte immer mehr die Oberhand, zumal die Nationalversammlung, in der die Radikalen wie der schon genannte Königsberger Arzt Jacoby das große Wort führten, immer stärker unter den Einfluß der Masse geriet, die am 15. Mai das Zeughaus plünderte. Die Nationalversammlung wurde unter dem Ministerium des Grafen Brandenburg, eines Sohnes Friedrich Wilhelms II. und der Gräfin Dönhoff, auf Befehl des Königs nach Brandenburg verlegt. Ohne auf Widerstand zu stoßen, rückten am 10. November die Truppen wieder in Berlin ein. Der revolutionäre Elan unter den Bürgern war, so schnell er aufgeflammt war, ebenso schnell abgeklungen.
Das „Kommunistische Manifest" der im Rheinland geborenen Karl Marx und Friedrich Engels von 1847/48 hatte auf die revolutionäre Bewegung von 1848 noch keinen Einfluß. Sie war eine ausgesprochene Angelegenheit des Bürgertums.
Die preußische Nationalversammlung wurde aufgelöst, und der König verfügte, da eine Verfassung nun einmal unvermeidlich war, eine solche von oben, die darum eine oktroyierte, d. h. aufgezwungene, genannt wurde. Zu ihren wichtigsten Bestimmungen gehörte die Bildung eines Landtages, der aus zwei gleichberechtigten Häusern, dem Herrenhaus und dem Abgeordnetenhaus, bestand. Ein Gesetz bedurfte darum der Zustimmung beider Häuser. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses wurden in öffentlicher Abstimmung nach drei Klassen gewählt, die auf Grund ihrer Steuerleistung abgestuft waren. Gegen alle Versuche, dies immer unzeitgemäßer werdende Wahlrecht zu ändern, hat es sich bis 1918 erhalten. Das Herrenhaus kann man nur unter großen Bedenken mit dem englischen Oberhaus vergleichen. Die Entwicklung der Dinge in Berlin wurde nicht überall im Lande ohne weiteres hingenommen. So kam es z. B. im Wuppertale und dem Bergischen Land zu Unruhen, die als Elberfelder Aufstand von 1849 in die Geschichte eingegangen sind. Die enttäuschten Liberalen und Demokraten mußten mit Waffengewalt zur Räson gebracht werden. (Diesen Hinweis verdanke ich Oberstudienrat a. D. Josef Bauer, Wuppertal, früher Danzig). Ein besonders heftiger Aufstand in Baden wurde mit Hilfe preußischer Truppen unter dem Oberbefehl des aus England zurückgekehrten Prinzen Wilhelm niedergeschlagen.

Keine Kaiserkrone von Volkes Gnaden

Während der Vorgänge in Berlin und Wien trat in Frankfurt a. M. zunächst ein Vorparlament und am 18. Mai die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche zusammen. Ihr gehörte die geistige und bürgerliche Elite Deutschlands an, aber nur ein Kleinbauer und kein Arbeiter. Die Führer des ostelbischen Adels wie Schön und Brünneck waren Mitglieder des preußischen Parlaments. Die oktroyierte Verfassung von 1850 genügte dem altpreußischen Adel durchaus als die Erfüllung seiner liberalen Wünsche. Wichtig ist noch zu vermerken, daß auch die Ostprovinzen, die 1815 noch nicht dem Deutschen Bund angehörten, ihre Vertreter in das Frankfurter Parlament entsenden durften. Der in Frankfurt zum Reichsverweser gewählte Erzherzog Johann von Österreich war tatsächlich ein „Johann ohne Land", denn ihm fehlte es an jeder wirklichen Macht.
Nachdem man kostbare Zeit mit der Beratung der Grundrechte des deutschen Volkes vertan hatte, ging man endlich an die Vollendung der Reichsverfassung. Zwei Parteien standen sich gegenüber: die großdeutsche, die ein Reich unter Führung Österreichs wollte, und die kleindeutsche, die unter Ausschluß Österreichs einen engeren Bund unter Führung Preußens anstrebte. Knapper Sieger blieben die Kleindeutschen. Mit dem Präsidenten der Nationalversammlung, dem Königsberger Eduard Simson an der Spitze, machte sich eine Deputation auf den Weg nach Berlin, um Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone anzubieten. Doch lehnte sie am 9. April 1849 der König ab. Er wollte als König von Gottes Gnaden die Krone nicht aus den Händen des Volkes entgegennehmen und war der Meinung als letzter Hohenzoller! - es sei wider den Geist der deutschen Geschichte, daß ein Preußenkönig die ehrwürdige Kaiserkrone auf sein Haupt setzte, die nach historischem Recht nur den Herrschern von Österreich gebühre.
Eine Episode blieb 1850 der Versuch Friedrich Wilhelms IV., unter dem Einfluß seines katholischen Außenministers v. Radowitz eine deutsche Union wieder einmal „von oben" zu schaffen. Österreich und Rußland waren dagegen, Österreich aus verständlichen Gründen, Rußland, weil der Zar die preußische Unionspolitik als demokratisch, ja revolutionär verurteilte.
Preußische Truppen rückten in Hessen ein, das sich zur deutschen Union bekannte, aber auf Beschluß des Bundestages bereits von österreichischen und bayerischen Truppen besetzt war. Nahe dem Dorf Bronnzell bei Fulda kam es zu einem Vorpostengefecht, bei dem nur ein armer Schimmel sein Leben lassen mußte. Dann zogen sich die Preußen zurück.
Im Vertrag von Olmütz mußte Preußen auf seine Unionspläne verzichten und der Wiederbelebung des Deutschen Bundes zustimmen. Das bedeutete für Preußen eine tiefe Demütigung. Immerhin hat ein Mann wie Bismarck das Einlenken Preußens verteidigt.
Die letzten Lebensjahre Friedrich Wilhelms IV. waren durch eine qualvolle Erkrankung verdüstert, die ihren Ausgang von einer Gesichtsrose nahm. Sein Bruder Wilhelm übernahm die Regierungsgeschäfte seit 1857 zunächst als sein Stellvertreter, von 1858 bis zum Tode Friedrich Wilhelms IV. 1861 als Prinzregent. Während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. machte der Deutschkatholizismus der ehemaligen Priester Runge und Czerski viel von sich reden. Aber trotz kräftiger Unterstützung von liberaler Seite war ihm auf die Dauer kein Leben beschieden.

Ein christlicher Staat?

Es sind noch einige Worte über die Auffassung Friedrich Wilhelms IV. von seinem Königtum zu sagen sowie über den Kreis von Männern, der ihn umgab, die sogenannte Kamarilla - das andere Preußen, wie es der uns schon mehrfach begegnete Historiker Hans Joachim Schoeps nennt, womit er feststellen will, daß das Preußen Friedrich Wilhelms IV. in seiner Art von den bekannten Ausdrucksformen des Preußentums erheblich abweicht. Friedrich Wilhelm IV. sei, so schreibt Schoeps, nur aus seinen Erlebnissen in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu verstehen, die er als den Kampf des christlichen Weltbildes mit dem Unglauben der Aufklärung erfahren hat. Die Besonderheit der sogenannten Erweckungsbewegung, d. i. die innerprotestantische religiöse Erneuerungsbewegung, wie sie Friedrich Wilhelm als Kronprinz gesehen und die sich vor allem bei einem Teil des Landadels durchgesetzt hatte, bestand in der tatkräftig verfolgten Überzeugung, daß das Christentum den Aufbau des Reiches Gottes in der Welt zum Auftrag habe, da das Christentum mehr sei als eine Lebensform der persönlichen Frömmigkeit. Der damalige Kronprinz glaubte an die Möglichkeit der Aufrichtung eines Staates, der sich auf den christlichen Glauben begründet. „Das Wesen des monarchischen Prinzips sah er in dem Bündnis von Thron und Altar." Diesen Anschauungen ist Friedrich Wilhelm auch als König treu geblieben. Wenn er sich König von Gottes Gnaden nannte, so war dies keine Redensart, sondern er meinte es bitterernst, weil er der Überzeugung war, daß Gott den, den er König werden läßt, geistig und seelisch weit über jeden anderen ausstattet. „Die Revolution von 1848 nahm er als eine göttliche Bestrafung seiner eigenen Person hin, für die er Buße zu leisten habe." Aus seiner Auffassung vom Göttlichen Auftrag seines Amtes wird auch verständlich, daß er sich dagegen sträubte, daß ein „Fetzen Papier", wie er die Verfassung nannte, sich zwischen ihn und sein Volk drängte.
Einer der führenden Männer der Kamarilla war neben dem General von Gerlach sein Bruder Ludwig, Oberlandgerichtspräsident in Magdeburg. Von Friedrich Wilhelm IV., dessen getreuester Gefolgsmann er sonst war, unterschied ihn die Auffassung, daß das Gottesgnadentum des Königs nicht an dessen Person, sondern an sein Amt gebunden sei. Wohl dachte Gerlach an eine Volksvertretung, aber keine gewählte, sondern eine ständische. Immer wieder hat er seine Stimme gegen das revolutionäre Kopfzahlprinzip erhoben. Es sei gerade für ihn als den Vertreter einer christlich-germanischen Staatsidee das Grundrecht der Deutschen, nicht nach der Stückzahl der Heringe in Frage zu kommen. Die Verwirklichung der demokratischen Prinzipien werde schließlich zu einem aus den Massen kommenden Absolutismus führen. Später allerdings hat sich Gerlach mehr und mehr von der ständischen zur konstitutionellen Monarchie hin entwickelt. Daß er dem Nationalismus und dem Nationalstaat ablehnend gegenüberstand, ist aufgrund seiner Anschauungen klar.

Die Zehn Gebote Gottes verletzt

Ludwig v. Gerlach war der Mitbegründer der Konservativen Partei im Revolutionsjahr 1848 und der Führer bis zum Eintritt der Regentschaft 1858 sowie er maßgeblich an der Gründung der „Kreuzzeitung" beteiligt war, für die er als „Rundschauer" regelmäßig schrieb. Mit Bismarck verband Gerlach zunächst eine persönliche Freundschaft, die auf der Gemeinsamkeit der konservativen Anschauung gegründet war. Er wurde der Pate von Bismarcks Sohn Herbert. Aber schon 1853 hatte Gerlach geäußert, daß Bismarck leicht der Weltlichkeit und dem Satan verfallen könne. Bismarck, der sich zum „Realpolitiker" mauserte, löste sich allmählich von den strengen Grundsätzen der Konservativen Partei, die meisten anderen Mitglieder folgten ihm. Zum endgültigen Bruch zwischen Gerlach und Bismarck kam es wegen des nach Gerlach „sündhaften Bruderkrieges" zwischen Preußen und Österreich von 1866 und der für ihn einem Diebstahl gleichkommenden Annexion von Hannover, Nassau, Schleswig-Holstein, Frankfurt und Kurhessen durch Preußen. 1867 erklärte Gerlach: „Mein Schmerz ist der eines preußischen, deutschen Christen, daß meine Partei und mein Vaterland Preußen schmählich die zehn Gebote Gottes verletzt und durch das Laster des Pseudopatriotismus Schaden an seiner Seele genommen und sein Gewissen befleckt hat." Ein besonderer Greuel war ihm der Krieg gegen Österreich, „weil ihm speziell dieser Krieg als ein gegen den heiligen Sinn der deutschen Geschichte geführter Krieg" erschien und er sich nicht ein Deutschland ohne Österreich vorstellen konnte. Weiter unten wird vom Deutschen Krieg noch ausführlicher gesprochen werden.
Es bleibt noch die Frage zu beantworten, warum Gerlach selbst kein politisches Amt übernommen hat, in welchem er seine Auffassung vom christlichen Staatsmann hätte durchsetzen können. Die Möglichkeit dazu hätte er gewiß gehabt. Fürchtete er etwa doch, daß seine idealen Vorstellungen der rauhen Wirklichkeit des politischen Alltags nicht hätten standhalten können? Der frühere amerikanische Außenminister Henry A. Kissinger schreibt in seinen Memoiren: „Der Außenseiter" - als solchen können wir Gerlach gewiß bezeichnen - „denkt in absoluten Begriffen; für ihn sind Recht und Unrecht begrifflich genau definiert. Der politische Führer kann sich diesen Luxus nicht leisten. Er erreicht sein Ziel selten anders als stufenweise, und jeder einzelne Schritt muß seine moralischen Mängel haben, aber dennoch kann man sich der Moral ohne diese Schritte nicht nähern." Diese Worte Kissingers könnten fast auf Bismarck gemünzt sein, den der amerikanische Politiker de Gaulle gegenüber als den größten Diplomaten des 19. Jahrhunderts bezeichnet hat. Kissinger selbst begründet allerdings sein Urteil über Bismarck mit dessen gemäßigter Haltung nach dem Sieg.

Von den Konservativen zu den Deutschnationalen

Die Konservative Partei entwickelte sich mitsamt der „Kreuzzeitung" von der Weltanschauungspartei zur Interessenpartei, die die Anliegen des preußischen Junkertums vertrat. Als Deutschnationale verbündeten sie sich, wenn wir der Geschichte vorgreifen wollen, nach 1881 mit der rheinisch#westfälischen Schwerindustrie. So wurde schließlich nicht mehr ein Junker, sondern ein Vertreter der Schwerindustrie, Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei - wobei die Bezeichnung „Volkspartei" wie Hohn klingt. Hugenbergs unheilvolle Rolle bei der Machtergreifung Hitlers ist bekannt. Erztyp eines Junkers, der auch bei den Deutschnationalen landete, war der skurrile Elard v. Oldenburg, nach seinem Gut in Westpreußen der Januschauer genannt. „Berühmt" ist sein Ausspruch, den er 1910 im Reichstag von sich gab, daß der Kaiser diesen durch einen Leutnant mit zehn Mann nach Hause schicken könne.
Auf Gerlachs Seite standen u. a. Bischof v. Ketteler, der zunächst Jurist im preußischen Staatsdienst gewesen war, in einer Schrift „Preußen nach 1866", und der berühmte Schweizer Kulturhistoriker Carl Burckhardt, der den Krieg von 1866 die große deutsche Revolution nannte (er ist nicht zu verwechseln mit dem Danziger Völkerbundkommissar Carl J. Burckhardt). Von allen alten Freunden verlassen, fand Gerlach Verständnis beim politischen Katholizismus, also der Zentrumspartei, die ihn zu ihrem Ehrenmitglied machte und ihm im Wahlkreis Siegburg zu einem Landtagsmandat und im Januar 1877 zu einem Reichstagsmandat in Osnabrück verhalf. Noch im selben Jahr ist Gerlach mit 82 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er starb als treuer Protestant. In den Kulturkampf hatte er als heftigster Gegner der neuen Kirchengesetze u. a. mit einer Rede gegen den Kultusminister Falk im Landtag eingegriffen, während er selbst von seinem alten Freunde Bismarck höchstpersönlich an der gleichen Stelle scharf attackiert wurde.
Im preußischen Abgeordnetenhaus hatte sich 1852 eine katholische Fraktion gebildet, die sich seit 1859 wegen ihrer Sitze in der Mitte des Parlaments Zentrumspartei nannte. Bemerkenswerterweise zerfiel diese Partei 1862, im Jahre des Amtsantritts Bismarcks. 1870 wurde sie von den Brüdern Reichensperger und v. Mallinckrodt zu neuem Leben erweckt. Ihr eigentlicher Führer wurde der frühere hannoversche Justizminister Ludwig Windthorst, obwohl er niemals Partei- oder Fraktionsvorsitzender war. Der glänzende Redner war ein erbitterter Gegner Bismarcks während des Kulturkampfes und auch wegen seiner Anhänglichkeit an das von Bismarck gestürzte Welfenhaus.
Schließen wir das Kapitel Gerlach mit dem Zitat aus einem Artikel, den er im November 1851 in der „Kreuzzeitung" geschrieben hat. Er klingt geradezu prophetisch: „Das alles zersetzende Geld, der Repräsentant der Genußsucht und des Egoismus, wird als allein überlebende Macht unseren Grundbesitz und unsere ständische Gliederung, aber viel früher das Innere unserer Städte in Staub zertreten. Es wird in Verbindung mit Gesetzen, die alles Feste und Substantielle auflösen und zersetzen, die Ehe und die Schule, die Familie und den Sonntag, den Staat und die Kirche - in Verbindung mit gottloser Aufklärung und flachem Unglauben - die Säulen und Fundamente unseres Vaterlandes zerfressen. Nur mechanische Staats- und Rechtsformationen werden Doch möglich sein, Zustände - in denen man nach und nach jedes Ideal von Recht und Freiheit als Aberglauben verabschieden, den Säbel aber und zuletzt die Knute als die allein realen Herrscher, als die populärsten Retter der Welt begrüßen wird, bis die zum Untergang reifen Kulturvölker wie vor 1400 Jahren neuen Barbaren Platz machen."

Otto von Bismarcks Berufung

Nach diesem Überblick über den Versuch eines christlichen Staates unter Friedrich Wilhelm IV., den wir gerade unseren Lesern nicht vorenthalten wollten, kehren wir sozusagen wieder auf die Erde zurück. Wilhelm L, der 64jährig seinem Bruder auf den Thron folgte, ließ sich nach Friedrich I. als einziger preußischer König in Königsberg krönen und bestätigte dadurch, wie sehr er sich als König von Preußen fühlte - auch dann, als er deutscher Kaiser geworden war.
Wilhelm I. war vor allem Soldat, und so nimmt es nicht wunder, daß sein erster Plan nach dem Regierungsantritt der Reform des Heeres galt. Trotz der angewachsenen Bevölkerung war dieses auf dem Stand von 1814 geblieben. Die angemessene Erhöhung der Truppenstärke hätte das Abgeordnetenhaus, das mit dem Herrenhaus die Mittel zu bewilligen hatte, noch hingenommen. Der eigentliche Konflikt zwischen dem König und der das Abgeordnetenhaus beherrschenden Fortschrittspartei spitzte sich auf die Dienstzeit zu. Der Kriegsminister v. Roon forderte die Beibehaltung der dreijährigen Dienstzeit, das Parlament wollte sich mit zwei Jahren begnügen, und als der König, dessen Auffassung Roon vertrat, nicht nachgab, strich das Abgeordnetenhaus die Ausgaben für das Heer ganz. (Das Herrenhaus hatte sie bewilligt.) So kam es schließlich zu einem Machtkampf zwischen König und Parlament. In dieser verfahrenen Situation berief auf Roons Rat Wilhelm I. als letzte Reserve 1862 den Mann zum Ministerpräsidenten, der es auf sich nahm, die Heeresreform auch ohne Zustimmung des Abgeordnetenhauses durchzuführen: Otto v. Bismarcks 4).
War wäre geworden, fragt Haffner, wenn der König 1862 Bismarck nicht berufen und, wie er schon ernsthaft erwog, zugunsten seines Sohnes Friedrich abgedankt hätte? Dieser war mit Viktoria, der Tochter der englischen Königin, verheiratet und neigte unter ihrem Einfluß liberaleren Anschauungen zu. Er hätte möglicherweise Preußen zur parlamentarischen Monarchie gemacht. Es wäre sehr unwahrscheinlich gewesen, daß ein solches Preußen je hätte Deutschland gegen den Widerstand Frankreichs, Rußlands, Österreichs und der deutschen Mittelstaaten einigen können. Das alles meint Haffner, und er zieht daraus die kühne Folgerung: „Es ist durchaus vorstellbar, daß Preußen dann noch existierte." Wie sagt doch der Dichter: Die Kinder, sie hören es gerne! Die Kinder - das sind in diesem Falle wir Heimatvertriebenen aus dem preußischen Osten . . .
Bismarck wurde als preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt zum erbitterten Gegner Österreichs. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 war der Frankfurter Bundestag wiedereröffnet worden. Österreich, das sich nach den Aufständen jener Zeit errafft hatte - in Ungarn allerdings nur mit russischer Hilfe -, wurde von Fürst Schwarzenberg geführt. Er entwickelte den Plan eines mächtigen mitteleuropäischen Reiches, natürlich unter der Führung Österreichs, das in das Reich auch seine nichtdeutschen Völker eingebracht hätte. Für Preußen war in diesem Konzept kein Platz. Nach Schwarzenbergs Vorstellung sollte Preußen erst geschwächt und dann vernichtet werden. Aus diesem hochfliegenden Plan wurde schon darum nichts, weil Schwarzenberg bereits 1852 starb. Als 1863 Kaiser Franz Joseph einen Fürstentag nach Frankfurt einberief, um eine Reform des Deutschen Bundes zu veranlassen, blieb Wilhelm I. auf Bismarcks Drängen diesem fern. Damit war der Fürstentag zur Ergebnislosigkeit verurteilt. Hatte Bismarcks Widerstand die Bildung eines 70 Millionen Reiches in Europa, diesmal auf der Basis eines echten Ausgleichs, verhindert? Schoeps möchte Bismarck diesen Vorwurf machen, doch muß er zugeben, daß ein solcher Vielvölkerstaat im Zeitalter des Nationalismus sich kaum hätte behaupten können.

Noch einmal kämpften Österreich und Preußen Seite an Seite

Noch einmal kämpften Österreich und Preußen Seite an Seite, und zwar 1864 gegen die Dänen. Es ging dabei um Schleswig Holstein. Das ist eine verzwickte Geschichte, deren Darlegung wir lieber den Examenskandidaten überlassen, für die sie eine bei den Geschichtsprofessoren beliebte Frage ist. Jedenfalls gingen die Wogen der Erregung in Deutschland hoch, als  sich nach einer neuen Verfassung die Dänen anschickten, sich die
Herzogtümer völlig einzuverleiben. Im Auftrag des Deutschen Bundes, zu dem ja Holstein gehörte, überzogen österreichische und preußische Truppen Dänemark mit einem Krieg eine Redensart, die aus dem Lateinunterricht hängengeblieben ist. Die Entscheidung fiel mit der Erstürmung der Düppeler Schanzen durch die Preußen. Es war Bismarcks Staatskunst zu verdanken, daß die Aktion um die Herzogtümer ohne Einmischung des Auslands vor sich ging. Als England richtig merkte, was gespielt wurde, war schon alles passiert. Dänemark mußte die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Österreich und Preußen abtreten. Dies war keine Lösung für die Dauer, auch wenn im Gasteiner Vertrag von 1865 Preußen die Verwaltung von Schleswig, Österreich die von Holstein zugesprochen wurde. Der preußisch österreichische Bruderkrieg von 1866, der Deutsche Krieg genannt, hat eine Diskussion ausgelöst, die heute noch nicht abgeklungen ist. Wir haben bereits die bewegte Klage Ludwig v. Gerlachs über den Krieg und seine Folgen vernommen. Bismarck hatte 1862 in einer Rede gesagt, die deutsche Frage könne nur mit Blut und Eisen gelöst werden. Nichts ist ihm mehr nachgetragen worden als diese Äußerung, und gewiß hat er sie später bitter bereut. Aber es kam doch so, wie Bismarck angekündigt hatte. 
Vergessen wir nicht, worum es ihm ging: eine Landverbindung zwischen dem Zentrum Preußens und seinen westlichen Besitzungen herzustellen. Der führende Historiker Theodor Schieder, der früher an der Albertus-Universität Königsberg lehrte, hat allerdings gemeint, daß die preußische Staatsräson auch andere Wege hätte offenlassen können. Die Einverleibung Hannovers durch Preußen habe an die Rheinbundzeit erinnert und das monarchisch konservative Bewußtsein aufs schwerste erschüttert. Schoeps schiebt allerdings einen großen Teil der Schuld an dieser Entwicklung dem „unheilvollen Einfluß" des Justizministers Windthorst zu, wenn Hannover alle preußischen Neutralitäts- und Bündnisangebote abgelehnt habe.
Wie dem auch immer sei: Im April 1866 stellte Bismarck beim Bundestag in Frankfurt den Antrag auf eine Reform der Verfassung des Deutschen Bundes durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Er wußte genau, das ein solches Wahlrecht für den Vielvölkerstaat Österreich tödlich sein mußte ein Ergebnis, daß er selbst, wie wir noch sehen werden, im Grunde gar nicht wünschte. Als dann Österreich in der schleswig-holsteinischen Frage den Deutschen Bundestag anrief, erklärte Preußen dieses als einen Bruch des Gasteiner Vertrages und trat aus dem Deutschen Bund aus. Nun sollte doch der Krieg entscheiden, wer die Führung in Deutschland hatte. Nach Königgrätz: „Die Welt stürzt ein!“ Allgemein erwartete man einen Sieg Österreichs, auf dessen Seite sich die meisten deutschen Staaten stellten. Allgemein: Gehörte dazu auch Frankreich? Der französische Kaiser Napoleon III., ein Neffe Napoleons L, der nach den revolutionären Wirren von 1848 schließlich durch eine Volksabstimmung Kaiser der Franzosen geworden war, stützte sich, um sich behaupten zu können, auf die Kirche und die nationalen Bewegungen in Europa. Haffner drückt das in seiner spöttischen Art so aus: „Sein, Napoleons, Mittel war das Bündnis mit dem Nationalismus: zuerst dem italienischen, wobei er Erfolg hatte; dann dem polnischen, wobei nichts herauskam, schließlich sogar dem deutschen, wobei er sich das Genick brach."
Im Deutschen Krieg ergriff Napoleon für den vermeintlich schwächeren Gegner Preußen Partei, zumal Bismarck ihn mit vagen Versprechungen geködert hatte. Durch den entscheidenden Sieg der Preußen über die Österreicher bei Königgrätz am 3. Juli 1866 wurde nicht nur Napoleon schockiert. Der Kardinalstaatssekretär Antonelli soll auf die Nachricht von der Niederlage Österreichs ausgerufen haben: „Die Welt stürzt ein!" Wenn bei irgendeiner Gelegenheit Bismarck sich als genialer Politiker erwiesen hat, dann nach der Schlacht bei Königgrätz. Für den König und seine Generale schien es selbstverständlich, daß nach dem Sieg die Preußen in der österreichischen Hauptstadt Wien einzogen. Dem widersetzte sich Bismarck im Hauptquartier von Nikolsburg mit aller Macht. Grollend gab der König schließlich nach. Bismarck wußte, daß ein Triumphzug der preußischen Truppen durch die Wiener Straßen Österreich, das durch die schwere Niederlage aufs tiefste verwundet war, dem ohnehin im Land unbeliebten Preußen niemals verzeihen und sich bei erstbester Gelegenheit an ihm rächen würde. Eine solche wäre ein Bündnis mit Napoleon gewesen, der es nicht verwinden konnte, sich getäuscht zu haben, und die Scharte, die sein Ansehen schwächte, auszuwetzen versuchen würde. Für einen Krieg mit Frankreich, den Bismarck einkalkulieren mußte, hatte Preußen alles zu tun, um einen Zweifrontenkrieg durch den Eintritt Österreichs auf seiten Frankreichs zu vermeiden. So drängte er auf einen schnellen Friedensschluß unter milden Bedingungen für Österreich. Er verzichtete auf jede Gebietsabtretung wie die von Österreich#Schlesien, was ihm der König und die Militärs ebenfalls verübelten. Wir wissen, daß Bismarcks Politik gegenüber Österreich ihre Früchte getragen hat. Es hielt sich 1870 vom Deutsch-Französischen Krieg fern. Bismarck kam es nur darauf an, daß Königgrätz endgültig den Dualismus zwischen Österreich und Preußen in Deutschland zugunsten des letzteren entschieden hatte. Auch sah er sehr wohl, welch große Aufgabe Österreich in Europa noch zu erfüllen hatte. Was sollte an seine Stelle gesetzt werden, wer sollte die Aufgaben übernehmen, die der österreichische Staat von Tirol bis in die Bukowina erfüllte? So  fragt Bismarck in seinen Erinnerungen. Auch DeutschÖsterreich könnten wir, fährt er fort, weder ganz noch teilweise brauchen. Wien sei als ein Zubehör von Berlin aus nicht zu regieren.
Schonte Bismarck Österreich, so vereinnahmte Preußen, wie schon gesagt, Hannover, dazu Schleswig-Holstein, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt, der von den Militärs so hohe Kontributionen auferlegt wurden, daß ihr Bürgermeister Selbstmord beging. Mit der Einverleibung der genannten Länder, die den Sturz der angestammten Herrscherhäuser bedeutete, so der Welfen in Hannover, verletzte, wie bereits Schieder bemerkte, Bismarck das dynastische Prinzip, das Preußen für sich selbst um des Zusammenhaltes seiner so stark verschiedenen Landesteile willen in ganz besonderer Weise in Anspruch nahm. Der Vorwurf der Ländergier, der bereits durch die Besitznahme Schlesiens, Westpreußens und Posens gegen Preußen erhoben wurde, erhielt durch diese Eroberungen kräftigste Nahrung.

Bismarcks Bündnis mit den Nationalliberalen

Der seit 1862 wegen der eigenmächtigen Heeresreform Bismarcks bestehende Verfassungskonflikt in Preußen wurde dadurch beendet, daß unter dem Eindruck der Schlacht von Königgrätz der größte Teil der Fortschrittspartei unter Beteiligung des linken Zentrums als Nationalliberale Partei ins Lager Bismarcks überschwenkte (darunter auch unser Landsmann Simson) und im Landtag das sog. Indemnitätsgesetz beschloß, d. h., die Militärausgaben Bismarcks wurden gebilligt. Der Erfolg blieb auch hier der letzte Sieger. Die Nationalliberalen als Vertreter des deutschen Bürgertums waren dann sogar Bismarcks stärkste Stütze bei seiner Gründung des Deutschen Reiches.
Da Bismarck Realpolitiker war, paktierte er, wenn es ihm zweckmäßig erschien, mit den Zeitströmungen des Nationalismus und der Demokratie, ohne allerdings in seinem Selbstgefühl zu fürchten, daß ihm diese eines Tages über den Kopf wachsen könnten. An sich war, wie Haffner mit ganz besonderem Nachdruck betont, das Bündnis zwischen der preußischen Staatsidee und der deutschen Nationalidee ein Bündnis zwischen Feuer und Wasser. Wir werden uns gerade dieser höchst interessanten Feststellung Haffners noch bei anderer Gelegenheit erinnern. Bismarck kam es auch nicht darauf an, mit Ferdinand Lassalle zu verhandeln, der einen Sozialismus auf nationalstaatlicher Grundlage errichten wollte. Lassalle fiel aber bereits 1864 in Genf in einem Duell, und der von ihm gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ging später in der SPD auf. Sehr bezeichnend für Bismarcks Einstellung war auch, daß er einmal vom Nationalitätenschwindel sprach.

„Rache für Sadowa!"

Zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten wurde ein geheimes Schutz-und-Trutz-Bündnis geschlossen, das die gegenseitige Garantie der Gebiete enthielt sowie die Zusage der Süddeutschen, ihre Truppen im Kriegsfall unter den Oberbefehl des Königs von Preußen zu stellen. Diese überraschende Haltung der süddeutschen Staaten wird erklärlich durch die Ansprüche Napoleons III. auf die bayerische Rheinpfalz und das linksrheinische Hessen, die er unter Umständen auch mit Hilfe eines Krieges erwerben wollte. Napoleon stand gerade durch den preußischen Sieg bei Königgrätz unter besonders starkem Erfolgszwang, und so ließ er in Frankreich die Parole ausgeben: „Rache für Sadowa!" Sadowa war ein Ort in der Nähe von Königgrätz.
Nach dem Krieg von 1866 erfolgte die Gründung des Norddeutschen Bundes. Dieser war im Gegensatz zum Deutschen Bund ein Bundesstaat unter deutscher Führung. In ihm ist die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 vorgeformt worden. Auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts, welches schon Bismarck vor dem Krieg von 1866 gefordert hatte und das er jetzt wohl oder übel übernehmen mußte, wurde ein Reichstag gewählt, der 1867 zum erstenmal in Berlin zusammentrat. Mit dem Zugeständnis des demokratischen Wahlrechts war aber angesichts der beschränkten Rechte des Reichstages - er wurde z. B. nicht an der Ernennung des Kanzlers beteiligt - keinesfalls die Einführung eines parlamentarischen Regierungssystems verbunden. Das Bundespräsidium war erblich bei der Krone Preußens, die den Bund völkerrechtlich vertrat, in seinem Namen Krieg und Frieden erklärte und Frieden und Bündnisse schloß. Die Vertretung der Länderregierungen war der Bundesrat, in dem Preußen 17, die übrigen Bundesländer zusammen 21 Stimmen hatten. Gemeinsam mit dem Reichstag hatte er das Recht, Gesetze zu beschließen und den Heeresetat zu bewilligen.
Das, was Bismarck erwartet hatte, trat ein. Anlaß zum Krieg zwischen Preußen und Frankreich bot die in Aussicht genommene und, wie man wissen will, von Bismarck zunächst insgeheim begünstigte Wahl des Prinzen Leopold von der katholischen Sigmaringer Linie der Hohenzollern zum König von Spanien. Frankreich mochte eine Umklammerung durch die Hohenzollern wie einstmals durch die Habsburger befürchten. Auch nachdem Leopold auf das spanische Angebot verzichtet hatte, stellte der französische Gesandte Benedetti König Wilhelm I. auf der Kurpromenade von Ems und verlangte von ihm, daß er auch in Zukunft eine Kandidatur des Hohenzollernprinzen für die Krone von Spanien nicht zulassen werde. Über dieses aufdringliche Verhalten des französischen Gesandten ließ der König Bismarck telegraphisch in Berlin unterrichten. Aus dem Bericht strich der Bundeskanzler die vieldiskutierte "Emser Depesche" zusammen, die er der Presse übergab. Napoleon blieb daraufhin, wenn er sein Gesicht wahren wollte, nichts anderes übrig, als Preußen den Krieg zu erklären.

Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg

Die süddeutschen Staaten hielten ihre Bündnisverpflichtungen ein, und so konnte der Krieg von 1870 wie der von 1866 nach den Plänen des preußischen Generalstabes unter dem genialen Strategen v. Moltke sozusagen programmäßig ablaufen bis zur Schlacht von Sedan am z. September. Sie endete mit einem völligen Sieg der preußisch-deutschen Armee, wobei der französische Oberbefehlshaber Mac Mahon und Napoleon selbst gefangengenommen wurden. Dem Kaiser wurde das Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel als „Gefängnis" zugewiesen. 1871 wurde er nach England abgeschoben, wo er schon 1873 gestorben ist. Hatte mit Sedan die Entscheidungsschlacht des Krieges stattgefunden? Mitnichten! Haffner hatte schon zum Beginn des Krieges bemerkt, daß die süddeutschen Staaten weniger aus Liebe zu Preußen als aus Franzosenhaß zu Felde gezogen waren, der von den Erinnerung an die Zeit des ersten Napoleon gespeist war. Hatte aber nicht gerade Haffner Wert auf die Feststellung gelegt, daß die Napoleonischen Kriege weniger Volkskriege als Kabinettskriege gewesen seien? Nun aber, nachdem Napoleon III. abgedankt hatte und in Frankreich die Republik unter Gambetta ausgerufen worden war, kämpften die Franzosen erbittert weiter. Es war eine neue, für Bismarck erschreckende Erscheinung: „Plötzlich kämpften nicht Staaten miteinander, sondern Völker." Erst mit der Übergabe von Paris am 28. Januar 1871 fand der Krieg ein Ende. Im Frieden von Frankfurt trat Frankreich Elsaß-Lothringen an Deutschland ab und zahlte in drei Jahren 5 Milliarden Franken als Kriegsentschädigung. Diese nicht durch ehrliche Arbeit verdienten Milliarden haben der deutschen Wirtschaft keinen Segen gebracht. Die in der sog. Gründerzeit mit ihrer Hilfe erfolgten zahlreichen Neugründungen brachen zum erheblichen Teil schon 1873 mit großem Krach zusammen.

Der König wollte nicht Kaiser werden

Inzwischen war im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles König Wilhelm I. von Preußen zum Deutschen Kaiser ausgerufen worden. Die Kaiserproklamation erfolgte, was heute für uns schwer zu begreifen ist, während eines Krieges im Feindesland und unter Teilnahme eines einzigen Zivilisten. Dieser hieß Bismarck, und er hatte aus dem Anlaß auch seine geliebte Uniform der Magdeburger Kürassiere angelegt. Frankreich hat die Kaiserproklamation in Versailles schwer erbittert, und so mußte im selben Spiegelsaal am 28. Juni 1919 von der deutschen Delegation der Diktatfrieden unterzeichnet werden. Der Kanzler hatte darauf bestanden, daß die Kaiserwürde seinem König durch die deutschen Fürsten angetragen wurde. Der Norddeutsche Reichstag durfte lediglich vorher durch eine Deputation, an deren Spitze der uns schon wohlbekannte Königsberger Simson 5) stand, den König bitten, das Angebot der deutschen Fürsten nicht auszuschlagen. So paradox es klingt: Die größten Schwierigkeiten machte bei der Übertragung der Kaiserwürde Wilhelm I. selbst. Nicht aus Rücksicht auf Österreich, wie sie noch sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. genommen hatte, sondern weil er lieber König von Preußen bleiben und kein Charaktermajor sein wollte. Unter einem Charaktermajor verstand man im alten Heer einen Hauptmann, dem man bei seiner Verabschiedung den Charakter eines Majors verlieh, aber nicht dessen Bezüge. So sah sich der König von Preußen als Deutscher Kaiser, und als ihn am Abend vor der Proklamation Bismarck endlich herumkriegte, sagte der König, in Tränen ausbrechend: „Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens. Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe." Hat er womöglich recht behalten? Haffner datiert von dieser Proklamation des Königs Wilhelm I. zum Kaiser „Preußens langes Sterben".
Schließlich einigte man sich darauf, daß der Großherzog von Baden, Friedrich I., ein Hoch auf Kaiser Wilhelm I. ausbringen sollte. Warum gerade er? Die Proklamation wäre eigentlich Sache der Könige gewesen, vor allem des bayrischen, der nach dem Preußenkönig über das größte Herrschaftsgebiet verfügte. Aber der „Märchenkönig" Ludwig II. war gar nicht in Versailles anwesend, und es hatte Bismarck überhaupt große Mühe gekostet, ihn zum Beitritt zum Deutschen Reich zu bewegen. Er griff dem ewig von einer großen Schuldenlast bedrängten König # man denke nur an den kostspieligen Bau der Schlösser Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee sowie die großzügige Förderung Richard Wagners! - mit einem beträchtlichen Zuschuß aus dem sog. Welfenfonds unter die Arme. Die anderen Fürsten überließen Friedrich von Baden die Proklamation gern als dem Schwiegersohn des neuen Kaisers. Seine Gattin Luise war ebenso eine Gegnerin Bismarcks wie ihre Mutter, die Königin und Kaiserin Augusta, und ihre Schwägerin, Kronprinzessin Viktoria. Man kann Wilhelm I. nur bewundern, daß er dieser mächtigen weiblichen Phalanx gegenüber an Bismarck festhielt, obschon ihm dessen Politik manch schwere Stunde bereitete.
Die Verfassung des Deutschen Reiches wurde vom Norddeutschen Bund übernommen, nur daß der Bundespräsident jetzt Deutscher Kaiser hieß und der Bundeskanzler Reichskanzler.
Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht bestehen zu lassen, wird Bismarck besonders sauer angekommen sein. Aber die Geister, die er gerufen hatte, als er 1866 den Antrag auf Einführung des allgemeinen Wahlrechts stellte und damit den Deutschen Bund sprengte, ließen ihn nicht mehr los. Er mußte jetzt wohl oder übel den Preis für seinen kühnen Vorstoß zahlen. So existierten bis 1918 in Preußen zwei Wahlsysteme nebeneinander: für das Abgeordnetenhaus das Dreiklassenwahlrecht, für den Reichstag das allgemeine Wahlrecht. So gab es bis 1908 im Landtag keine sozialdemokratischen Abgeordneten, im Reichstag dagegen schließlich 120.

War das Deutsche Reich ein Großpreußen?

Welchen Platz nahm nun Preußen in dem von ihm gegründeten Deutschen Reich ein? Die einen sagen, dieses sei ein Großpreußen gewesen, zumal diese Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar stattfand, dem Tag, an dem 1701 Friedrich I. zum ersten preußischen König gekrönt wurde. Dieser Ansicht sind z. B. von der Gablentz und der konservative Staatsphilosoph Konstantin Frantz. Und daß Bismarck, der Schöpfer und erste Kanzler des neuen Reiches, ein Preuße mit Leib und Seele war und es bis an sein Lebensende blieb, ist nicht zu leugnen. Sehr interessant ist eine Bemerkung, die Bismarck Wilhelm II. gegenüber machte. „Mit dem Deutschen Reich ist es soso lala", sagte der Kanzler. „Suchen Sie nur Preußen stark zu machen. Es ist egal, was aus dem andern wird." Dazu Wilhelm IL zu seinem Freund Fürst Eulenburg: „Ich habe eine Art Falle für mich darin gesehen." Wilhelm IL, vom Glanz seines Kaisertums geblendet, verstand die Bemerkung Bismarcks nicht, dem offensichtlich Zweifel an seiner eigenen Gründung gekommen waren. Wir werden davon noch mehr hören.
Andere dagegen meinen, daß Preußen, wie es in einer schwachen Stunde Friedrich Wilhelm IV. geäußert und es auch Haffner übernommen hat, in Deutschland aufgegangen sei. Sie führen zur Begründung ihrer Ansicht unter anderem an, daß fortan kein Mensch mehr von Berlin als der preußischen Hauptstadt sprach, sondern nur von der Reichshauptstadt. Und da das Amt des preußischen Ministerpräsidenten mit dem des Reichskanzlers gekoppelt war, wurden in der Folgezeit eine Reihe von Nichtpreußen preußische Ministerpräsidenten, so die Bayern Hohenlohe und Hertling, der Mecklenburger Bülow, schließlich mit Max von Baden sogar das Mitglied eines nichtpreußischen Fürstenhauses. Vom preußischen Ministerpräsidenten war keine Rede mehr, allein vom Reichskanzler.

„Der böse Dämon Deutschlands"

Viele ausländische, besonders englische, aber auch süddeutsche Historiker hätten, bemerkt Haffner gewiß mit Recht, die Friedenspolitik des Urpreußen Bismarck nach 1871 nicht wahrhaben wollen. Für sei sie Preußen überhaupt die Wurzel allen Übels, der böse Dämon Deutschlands und die Ursache der Katastrophen gewesen, in die Deutschland sich und die Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestürzt habe. Preußen sei ein erobernder Staat gewesen, und es habe, so war die weitverbreitete Meinung, diese Eroberungspolitik dem Deutschen Reich vererbt, sozusagen eingeimpft. Noch im August 1939 schrieb der in Ostpreußen geborene Schriftsteller Friedrich Reck-Malleczewen: „Morgen werden wir den zweiten gegen die Geographie geführten Weltkrieg haben, und ich zweifle nicht daran, daß er, von dem ewigen Schreihals Preußen wieder an den ganzen Erdball erklärt, verloren ist noch vor dem ersten Flintenschuß." Dazu können wir nur fragen: Wer war damals der Schreihals? Und wo kam er her? Bei solchen Vorwürfen spielt offensichtlich die preußische Annexionspolitik, das heißt die Vereinnahmung einer Reihe von deutschen Staaten nach dem Krieg von 1866, eine besondere Rolle. Bismarck selbst macht das Zugeständnis, Preußen sei nach 1871 satt und übersatt gewesen. Daher hat Bismarck, solange er im Reiche etwas zu sagen hatte, als bremsendes Element gewirkt: „Wenn Preußen die deutsche Führungsmacht bleiben wollte, durfte Deutschland auf keinen Fall größer werden, als es schon war. In einem Großdeutschland oder einer deutschen Weltmacht wäre seine Lage hoffnungslos gewesen." Weltmachtpolitik hat Deutschland erst nach Bismarcks Sturz (1890) getrieben, als Wilhelm II., der Bismarcks Warnung nicht verstanden hatte oder verstehen wollte, die Parolen ausgab: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!", und darum: „Volldampf voraus!"

Das Schlagwort vom preußischen Militarismus

Das zweite Argument der Kritiker Preußens ist nach Haffner der preußische Militarismus gewesen: „Aber es war nicht die Armee, die vor den beiden Weltkriegen die deutsche Politik bestimmte und zum Krieg drängte, von dem zweiten hat sie sogar dringend abgeraten." Ob gegen diese verallgemeinernden Feststellungen Haffners nicht doch Bedenken anzumelden sind? Wenn ein General Graf Brandenburg preußischer Ministerpräsident und ein General Graf Caprivi Reichskanzler wurde, so wurden sie dies gewiß nicht als Vertreter der Armee. Aber es gab auch einen vom preußischen Generalstab entwickelten und von den Politikern abgesegneten Schlieffenplan, der eine Verletzung der Neutralität Belgiens im Fall eines Krieges mit Frankreich vorsah. Und vor allem gab es einen Admiral von Tirpitz, dessen unmäßiger, vom Kaiser begrüßter Ausbau der deutschen Kriegsflotte England herausforderte. Aber die Kriegsmarine war Reichssache, nicht preußische - doch wer machte im Ausland schon diesen Unterschied? Immerhin war Tirpitz in der preußischen Festungsstadt Küstrin geboren. Die Flottenleitung setzte beim Kaiser die Entlassung des deutschen Botschafters in London, Graf Metternich, durch, der vor der Wirkung des Flottenbaus auf England gewarnt hatte. Im Ersten Weltkrieg, zu dem nach einer Äußerung des Historikers Golo Mann den Kaiser die Generale zu treiben suchten, gewann die Oberste Heeresleitung immer stärkeren Einfluß auf die Reichspolitik. Der Kaiser machte sich unsichtbar, nachdem er noch am Kriegsbeginn die markigen Worte gesprochen hatte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" Gegen Ende der Weimarer Zeit trat mit Kurt von Schleicher ein typischer politisierender General hervor.
Und was den zweiten Teil der Behauptung Haffners betrifft: Gewiß haben die Generäle Hitlers dringend von einem Krieg abgeraten, aber die Konsequenz aus ihrer Einsicht zog nur der Chef des Generalstabes des Heeres, Ludwig Beck, indem er 1938 zurücktrat. Das Buch von W. Förster über ihn trägt den bezeichnenden Titel „Ein General kämpft gegen den Krieg". Entschiedener Kriegsgegner war auch der Oberbefehlshaber des Heeres, von Fritsch. Die Gestapo schaltete ihn auf höheren Befehl durch eine an Gemeinheit unüberbietbare Verleumdung aus. Es ist kein Ruhmesblatt für die deutsche Generalität, daß sie sich nicht mit Fritsch solidarisch erklärte. Ihre Entschuldigung, sie habe von den Intrigen gegen ihn nichts gewußt, ist alles andere als überzeugend. Im Kriege nahmen die Generäle aus Hitlers Hand gern den Marschallstab entgegen, so daß man von einer förmlichen Inflation von Feldmarschällen reden konnte.

Der Leutnant rangierte vor dem Professor 

Das Wort vom preußischen Militarismus hat seinen Ursprung in der Tatsache, daß Brandenburg-Preußen wegen seiner Streulage und seiner offenen Grenzen von Anfang an auf ein starkes Heer angewiesen war. So blieb es nicht aus, daß dem Militär eine bevorzugte Stellung eingeräumt und es schließlich gewissermaßen der Inbegriff des preußischen Staates wurde. in einer merkwürdigen Hofrangordnung, die allerdings erst unter Wilhelm II. üblich wurde, stand der Leutnant vor dem Universitätsprofessor. Jedenfalls haben sich die Preußen nach Schoeps, der gewiß alles andere als ein Preußenfresser ist, durch übertriebenes militärisches Gebaren, Militarisierung auch des zivilen Lebens sowie ein schroffes Auftreten und mangelndes Einfühlungsvermögen vor allem auch in Süddeutschland und den neuerworbenen Reichsländern oft sehr unbeliebt gemacht. Bismarck selbst hat 1873 in einer Rede darüber geklagt, daß der preußische Beamte nicht dafür berühmt sei, in geschickter Weise Freunde zu gewinnen und unangenehme Dinge in liebenswürdiger Weise zu erledigen. Der dümmlich-arrogante preußische Leutnant mit und ohne Monokel war eine ständige Figur in der Münchener satirischen Zeitschrift "Simplicissimus". Die Macht der Uniform zeigte sich am Beispiel des Hauptmanns von Köpenick, der Carl Zuckmayer zu seiner vielgespielten Komödie angeregt hat. Den militärischzackigen Beamten, der von der pfiffigen Mutter Wolffen aufs Kreuz gelegt wird, treffen wir in der Gestalt des Amtsvorstehers von Werhahn in Gerhart Hauptmanns „Biberpelz" an. Trotz allem gilt für den preußischen Staat, was der einstige preußische Ministerpräsident Otto Braun in der Emigration über ihn geschrieben hat. Sowenig der preußische Staat seine militärische Entstehung und Entfaltung verleugnen konnte: „Er hatte eine straff organisierte, mustergültige Verwaltung, verfügte über eine gut durchgebildete unbestechliche Beamtenschaft in Justiz und Verwaltung, die ihm das Gepräge eines wohlgeordneten Rechtsstaats gaben. Allerdings", fügt der Sozialdemokrat Braun hinzu, „rekrutierte sich die regierende Oberschicht fast ausschließlich aus der Kaste des konservativen Landadels."

Die Zabernaffäre von 1913

Was immerhin vor dem Ersten Weltkrieg möglich war, beweißt der Fall Zabern aus dem Jahre 1913. Ich erinnere mich seiner noch sehr genau. Als Achtjähriger habe ich die langen Berichte darüber in der Ermländischen Zeitung verschlungen und bei Tisch begierig den Gesprächen der Eltern gelauscht, wenn sie sich darüber unterhielten. Was war geschehen? Das elsässische Städtchen Zabern hatte, wie der bekannte aus dem Elsaß stammende Schriftsteller Rene Schickele („Hans im Schnackenloch") feststellt, nach dem 70er-Krieg am schnellsten an die deutsche Vergangenheit angeknüpft und sogar Bismarck eine Ergebenheitsadresse übersandt. Ausgerechnet in dieser Stadt sagte der 20jährige Leutnant von Forstner zu einem wegen Messerstecherei zu zwei Monaten verknackten Rekruten: „Wenn du einen Elsässer Wackes zusammenstichst, erhältst du keine zwei Monate; für jeden dieser Dreckwackes, die du mir bringst, erhälst du zehn Mark." "Wackes", wenn es wie hier als Schimpfwort gebraucht wurde, entsprach dem französischen „Boche" für die Deutschen. Über die Äußerung des Leutnants erschien im "Zaberner Anzeiger" vom 9. November 1913 ein Bericht, der sie „eine skrupellose Beleidigung der Elsässer" nannte. Der Fall wäre durch eine schnelle Versetzung des Leutnants in eine andere Garnison und eine entsprechende Mitteilung an die Presse am ehesten erledigt worden. Aber der Regimentskommandeur von Reuter und der Kommandierende General von Deimling taten dies nicht, sondern stellten sich vor den Leutnant. So wuchs aus der Maus, wenn wir die üble Bemerkung des unreifen jungen Offiziers als eine solche gelten lassen wollen, ein Elefant. Es setzte eine heftige Pressekampagne ein, die immer größere Kreise zog. Ob von Forstner und von Reuter Preußen waren, weiß ich nicht, der General von Deimling, der eigentlich als letzte Instanz den Fall hätten bereinigen müssen, war jedenfalls Badener. Aber gerade er versagte vollständig. Dabei heißt ein altes badisches Sprichwort: Die Wackes sind uns näher als die Preußen! Beinahe zwangsläufig fiel in der Pressefehde auch das Wort vom preußischen Militärdünkel. Die Affäre schlug immer weitere Wellen, sie beschäftigte sogar den Reichstag und den deutschen Kronprinzen. Die Folgen, die sie für die Stimmung unter den Elsässern hatte, und die Reaktion, die sie vor allem in Frankreich auslöste, können wir uns nur zu gut vorstellen. Das alles kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges!

Der überflüssige Kulturkampf

So erfolgreich Bismarck auf dem Gebiet der Außenpolitik war - die Reichsgründung von 1871 ohne Einmischung des Auslandes war eine Meisterleistung -, so wenig glücklich war er in der Innenpolitik, eben weil er die Methoden der Außenpolitik auch auf diese übertrug. Sein Verhalten gegenüber den Katholiken und Sozialisten beweist dies. Wenn er beide, im Parlament vertreten durch die Zentrumspartei und die Sozialdemokratische Partei, als Reichsfeinde bezeichnete, so erscheint es gerade als eine Ironie des Schicksals, daß ausgerechnet diese beiden Parteien von 1919 bis 1932 Preußen zu einer gewissen Nachblüte verhalfen.
Der Kulturkampf (der Ausdruck stammt von dem berühmten Arzt und liberalen Politiker Virchow) war „trotz aller anderen Mitwirkenden Bismarcks persönliches Werk". Über seine Anfänge im Ermland haben wir in UEH 25, 2 und 3 berichtet. Die erste Kampfhandlung der Regierung war 1871 die Aufhebung der seit 1841 bestehenden katholischen Abteilung im preußischen Kultusministerium. Es sei sogleich darauf hingewiesen, daß der Kulturkampf sich nicht nur in Preußen abspielte, sondern auch durch Reichsgesetze gefördert wurde.
Was veranlaßte aber Bismarck zu seinem Vorgehen gegen den Katholizismus? Es wird manchem Leser unseres eben erwähnten Beitrages aufgestoßen sein, daß in den Kulturkampf auch das Auswärtige Amt eingeschaltet wurde. Das bestätigt die Auffassung, daß für Bismarck der Kulturkampf nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der fremden Macht des Papstes in Rom war. Der Kanzler wollte die Bindung der katholischen Kirche an diese Macht, Ultramontanismus genannt, lösen. Ultramontan besagt: jenseits der Berge, in diesem Falle der Alpen. Ultramontanismus bedeutet laut Duden ganz genau gesagt eine streng päpstliche Gesinnung besonders im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Hoffnungen der Regierung, in den Altkatholiken, die die vom 1. Vatikanischen Konzil beschlossene Lehre vom Primat und der Unfehlbarkeit des Papstes ablehnten, einen wichtigen Bundesgenossen zu haben, erwies sich wegen der geringen Zahl der Altkatholiken bald als trügerisch.
Was Bismarck nicht sah oder nicht sehen wollte oder konnte: daß man in einem Rechtsstaat gegen eine geistliche Macht nicht mit Mitteln der Verwaltung vorgehen konnte. Dies machte ihm auch in einer Vorlesung über Kaiser Heinrich IV. (1056-1106) der in Berlin (vorher in Königsberg) lehrende Professor Albert Brackmann zum Vorwurf. Der Kaiser konnte in seinem Kampf gegen Papst Gregor VII. nicht ahnen, daß ihm mit diesem der Vorkämpfer einer geistlichen Bewegung gegenüberstand, die es in dieser Art im Mittelalter bisher nicht gegeben hatte: die der Kluniazenser. So verhielt sich Heinrich IV. dem Papst gegenüber wie die früheren Kaiser und erlitt dabei Schiffbruch. Bismarck aber hätte aus der Geschichte lernen müssen, ehe er den Kulturkampf begann.

Die Maigesetze von 1873

Dessen Höhepunkt bildeten die Maigesetze von 1873 über die wissenschaftliche Vorbildung und Anstellung der Geistlichen, über die kirchliche Disziplinargewalt, über die Anwendung kirchlicher Straf- und Zuchtmittel und über den Austritt aus der Kirche: „Sie zielten auf die Zerstörung der Hierarchie und die Umwandlung in eine nationale Staatskirche." Wir wollen den unseligen Kulturkampf hier nicht in allen Einzelheiten verfolgen. In seinem Verlauf wurden mehrere Bischöfe für abgesetzt erklärt, darunter die Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen. Bei der Erwähnung des letzteren sei auch auf die antipolnische Tendenz des Kulturkampfes hingewiesen. 1876 waren alle preußischen Bischöfe abgesetzt oder verhaftet oder ins Ausland geflüchtet mit Ausnahme des ermländischen Philipp Krementz, über den, wie wir schon früher berichteten, die Kaiserin Augusta ihre schützende Hand hielt. Das Ende des Kulturkampfes war gegeben, als Bismarck einsehen mußte, daß er infolge des Widerstandes des katholischen Volksteils seine Ziele nicht erreichen konnte und er auch für seine Zollpolitik die Zustimmung der Zentrumspartei brauchte. Durch die Vermittlung des Fuldaer, später Breslauer Bischofs Kopp kamen 1886 und 1887 die beiden Friedensgesetze zwischen Bismarck und dem zur Versöhnung bereiten Papst Leo XIII. (seit 1878) zustande. Die Zentrumspartei fühlte sich durch die direkten, von Kopp bewirkten Verhandlungen zwischen Berlin und dem Vatikan nicht zu Unrecht übergangen, nachdem sie sich während des Kulturkampfes tapfer für die Kirche geschlagen hatte. Von den Kulturkampfgesetzen blieben aber einige bestehen, so das Gesetz über die staatliche Schulaufsicht, der sog. Kanzelparagraph, der den Geistlichen verbot, Angelegenheiten des Staates in einer „den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" zu erörtern, die Zivilehe und (bis 1917) das Jesuitengesetz. Bismarck erhielt nach Abbruch des Kulturkampfes den höchsten päpstlichen Orden, den Christusorden. Ob er ihn jemals angelegt hat? Für sein neues Reich war der Kulturkampf „ein immenses Unglück für Staat und Kirche", weil er es den Katholiken, die zwei Fünftel der Bewohner des Reiches ausmachten, lange erschwerte, in ihm heimisch zu werden.

Waren die Ermländer Mußpreußen?

Der Kulturkampf wirkte sich natürlich auch auf die größtenteils katholische Bevölkerung des Ermlands aus. Es kam das Wort von den Mußpreußen auf, die die Ermländer seien. Als die Kulturkampfgeneration abgetreten war und der Glanz des neuen Reiches auch auf die Ermländer ausstrahlte, erfolgte allmählich eine Änderung in ihrer Einstellung zu Staat und Reich. Aber noch nach dem Ersten Weltkrieg bezeichnete, worauf wir schon einmal hingewiesen haben, Otto Miller die Ermländer als Mußpreußen, wobei ihm Eugen Brachvogel zustimmte und mit ihm vielleicht noch heute mancher Ermländer, besonders unter unseren geistlichen Herren. Wir erwähnten gleichfalls, daß unser unbedingt ermlandtreuer Historiker Franz Buchholz Otto Miller heftig widersprochen hat, wenn er auch zugab, daß das frühere Königreich Preußen die Katholiken zurücksetzte. Wobei er gewiß nicht zuletzt daran dachte, daß an der Spitze der hochprozentig katholischen ermländischen Kreise in der Regel evangelische Landräte standen. Aus Franz Buchholz sprach der preußische Offizier des Ersten Weltkrieges. Wie denn überhaupt das Militär schon in Friedenszeiten viele Ermländer zu wackeren Preußen machte. In den Stuben auf dem Lande hingen unter Glas gerahmt die Urkunden oder Kompaniebilder „Zur Erinnerung an meine Dienstzeit". Besonders stolz waren die strammen ermländischen Bauernjungen, wenn sie zur Garde nach Berlin oder Potsdam eingezogen wurden. Sie brachten von dort freilich nicht nur schöne Erinnerungen mit, manche auch weniger angenehme Andenken an das Sündenbabel Berlin.
Eine reizvolle, vom Gesetzgeber kaum bedachte Folge hatte die aus dem Kulturkampf beibehaltene Bestimmung, daß der Bewerber um eine Pfarrstelle ein staatlich anerkanntes Abitur nachzuweisen hatte. Man war seitens der Regierung doch sehr besorgt um das geistige Niveau des katholischen Klerus! Der 1873 in Allenstein geborene Franz Justus Rarkowski trat, ohne in seiner Vaterstadt das Abitur gemacht zu haben, in die Kongregation der Maristen ein und wurde 1899 in Brixen zum Priester geweiht. Als er aus dem Orden ausschied und in seine Heimat zurückkehrte, konnte er aus dem eben erwähnten Grund keine Pfarrstelle erhalten. Wenn er als Kuratus von Lötzen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges sich zum Seelsorgedienst beim Heer meldete, tat er dies gewiß nicht nur, wie B. M. Rosenberg annimmt, im Überschwang nationaler Begeisterung (ZGAE 39, S. 95), sondern auch aus der Erkenntnis, daß er im Ermland nicht Pfarrer werden konnte. Darum blieb er nach dem Kriege Geistlicher bei der Reichswehr, wo er die Stufenleiter bis zum Feldbischof emporstieg. Es war also sein Glück, daß er kein staatliches Abitur gemacht hatte! Mit einem solchen, das für Reichswehrgeistliche offensichtlich nicht verlangt wurde, hätte er es im besten Fall zum Erzpriester und Domherrn, aber nicht zum Mitraträger gebracht. Aber war es wirklich sein Glück, daß er ein solcher wurde? Nach dem Aufsatz von Hans Apold über Rarkowski, der auch die oben erwähnte Bemerkung von Rosenberg enthält, möchte man es bezweifeln.

Bismarck wollte das Reich auflösen

Durch das allgemeine Wahlrecht konnten sich, wie schon gesagt, im Reichstag anders als im Landtag mit seinem Dreiklassenwahlrecht auch die Sozialdemokraten ihre Plätze sichern. Mit dem Sozialistengesetz von 1878, das alle sozialistischen und kommunistischen Organisationen und Druckschriften verbot und das bis 1890 verlängert wurde, erreichte Bismarck wie durch die Kulturkampfgesetze genau das Gegenteil. Die neuformierte SPD wurde nach Aufhebung des Verbotes immer stärker und bei den Reichstagswahlen 1912 sogar die stärkste Partei. Bismarck soll sich gegen Ende seiner Regierung wegen des vielen Ärgers mit dem Reichstag, dessen Parteien er dadurch zu korrumpieren suchte, daß er sie gegeneinander ausspielte, ernsthaft mit dem absurden Gedanken getragen haben, das Reich wieder aufzulösen und als reinen Fürstenbund neu zu bilden. Daß Bismarck überhaupt einen solchen Einfall hatte, zeigt, wie wenig der alte Kanzler die Zeichen der Zeit erkannte. Keineswegs dachte er daran, das Reich etwa in Richtung einer parlamentarischen Monarchie zu entwickeln.
Das war schon eher von dem Kaiser der 99 Tage, Friedrich III., zu erwarten. So wäre, wenn Friedrich länger am Leben geblieben wäre, Bismarcks Zeit als Reichskanzler noch schneller zu Ende gegangen, als es ohnehin schon der Fall war. Dazu kam Friedrichs unbändiger Stolz. Zu den Ehrungen anläßlich des 70. Geburtstages von Bismarck sagte er abschätzig: Ein Minister? Was ist ein Minister? Nichts als ein Beamter des Königs - dies, damit meinte er Bismarck! - ist aber kein Minister, sondern ein Diktator, dies ist der Untergang der Monarchie. Solche Äußerungen schienen sich schlecht mit den angeblich liberalen Anschauungen Friedrichs in Übereinstimmung bringen zu lassen. Aber seine abfälligen Äußerungen über Bismarck dürften der Eifersucht auf den ersten Ratgeber seines Vaters entstammen sowie dem Einfluß seiner Frau Viktoria. Friedrich lehnte es auch ab, auf seiner Reise nach San Remo in München Station zu machen, weil die Bayernkönige ihre Krone nur Napoleon zu verdanken hätten.
Größere Erwartungen setzte Bismarck auf Wilhelm II. Er wußte, daß dieser wie er Wilhelm I. sehr verehrte. Der junge Kaiser, der sich übrigens gegen seine Mutter Viktoria sehr häßlich benahm, trieb mit seinem Großvater einen förmlichen Kult. Er wollte ihn unbedingt zu Wilhelm dem Großen machen, aber das Volk spielte nicht mit, sosehr es den alten Kaiser wegen seiner schlichten Art gerade auch in Süddeutschland schätzte. Im übrigen unterschied sich Wilhelm II. in seinem naßforschen Auftreten, das nur seine Minderwertigkeitsgefühle überdecken sollte, völlig vom Großvater. So wurde auch Bismarck bald von Wilhelm II. enttäuscht. Der tiefste Grund der Entzweiung zwischen Kaiser und Kanzler ist darin zu sehen, daß der erstere nicht seine Macht mit Bismarck teilen, sondern allein regieren wollte.

„Es ist ein Glück, daß wir Bismarck los sind!"

So kam es 1890 zur Entlassung Bismarcks, die auf eine beschämende Weise vor sich ging. Bemerkenswert ist, daß die Öffentlichkeit das Ausscheiden des alten Kanzlers mit einem Gefühl der Erleichterung aufgenommen hat. Selbst ein Theodor Fontane schrieb an einen Bekannten: „Es ist ein Glück, daß wir ihn los sind", derselbe Fontane, der noch 1879 gesagt hatte: „Man mag Bismarck lieben oder ihn hassen, so muß doch immer zugestanden werden, daß intellektuell dasselbe von ihm gilt, was in physischer Beziehung von ihm gesagt worden ist: ein gewaltiger Mann!" Aber es gibt noch andere Beispiele dafür, daß die Öffentlichkeit der alten Männer überdrüssig wird, wenn sie angeblich zu lange regieren. Wir nennen nur die Namen Friedrich der Große und Konrad Adenauer. Aber oft tritt sehr bald, zumal wenn die Nachfolger nicht einschlagen, ein Stimmungsumschwung ein. Das beste Zeichen dafür sind die Anekdoten und Legenden, die sich um die Gestalten der alten Regenten und Staatsmänner ranken. Im Ausland schien man übrigens klarer als in Deutschland zu erkennen, was die Entlassung Bismarcks bedeute. Erinnert sei hier nur an die berühmte Karikatur der englischen satirischen Wochenschrift „Punch": Der Lotse geht von Bord. Bismarck steigt die Schiffstreppe hinab, der Kaiser sieht ihm mit der Krone auf dem Haupte von der Reling nach.
Grollend und düster in die Zukunft blickend, zog sich Bismarck auf seinen Alterssitz Friedrichsruh zurück. Den Titel eines Herzogs von Lauenburg, den ihm Wilhelm II. noch verliehen hatte, hat er nie geführt. Noch kurz vor seinem Tode am 30. April 1898 hat er geäußert: „Zwanzig Jahre nach dem Tode Friedrichs des Großen kam Jena, und zwanzig Jahre nach meinem Ableben wird Deutschland zusammenbrechen, wenn es so weiter regiert wird." Bismarcks Prophezeiung ist genau auf das Jahr eingetroffen, wenn man unter Zusammenbruch das Ende der Monarchie versteht, ohne die sich ein Bismarck kein Preußen und kein Deutsches Reich vorstellen konnte.

Mehr Kaiser als König

Wilhelm II. war der letzte deutsche Kaiser. Daß er auch und eigentlich in erster Linie König von Preußen war, wurde kaum noch wahrgenommen, obwohl wir in Braunsberg ein königliches Gymnasium besuchten und nebenan das Lyceum Hosianum 1912 in Königliche Akademie umbenannt wurde, wohl weil die Bezeichnung Lyceum als Lyzeum von der höheren Mädchenschule in Beschlag genommen wurde und der Patron der Hochschule, Ermlands größter Bischof, zumindest polnischer Neigungen verdächtig war. Königliche Hosius-Akademie, für solch einen Namen genierte man sich offensichtlich. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus die Staatliche Akademie. Immerhin führte dann unsere Schule, die ihre Anfänge auch auf den Bischof zurückführte, den Namen Gymnasium Hosianum, bis nach 1933 die neuen Machthaber an ihm Ärgernis nahmen und mit der neuen Schulform den Namen Hermann-von-Salza-Schule einführten eine Verlegenheitslösung. Ebensogut hätte die Aufbauschule in Ragnit nach dem großen Hochmeister und Staatsmann benannt werden können.
Wilhelm II. war für uns eben der Kaiser. Als er, der ständig unterwegs war und darum Reisekaiser genannt wurde, einmal in seinem Auto von seinem Gut Cadinen bei Tolkemit nach seinem Jagdschloß Rominten durch Braunsberg fuhr, standen wir Schulkinder in der Langgasse Spalier und schrien laut "hurrah!", als der Kaiser an uns vorbeirauschte. Ich sehe ihn noch in seinem Auto hoch thronend in der grünen Jägeruniform sitzen. Am meisten imponierte mir der prächtige Schnurrbart, dessen Enden wie von unsichtbaren Drähten hochgezogen wirkten. Mir fielen die Onkel in Heinrichsdorf ein, die den ganzen Sonntagmorgen mit der Schnurrbartbinde umherliefen. Doch wenn sie diese abgenommen hatten, senkten sich alsbald die Spitzen ihrer Bärte wieder traurig hinab. Die Onkel waren eben nicht der Kaiser.
Der Kaiser im Auto: Wilhelm II. war insofern ein moderner Mensch, als er allen technischen Neuerungen durchaus aufgeschlossen gegenüberstand. Vier Technische Hochschulen wurden in seiner Regierungszeit gegründet, darunter 1904 die Danziger. Das Realschulwesen wurde mächtig gefördert. Männer wie Krupp und Ballin, der Generaldirektor der Hapag, waren seine Freunde. Wilhelm II. war auch der Begründer der berühmten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, heute Max-Planck-Gesellschaft genannt.
Wenn die Ära Wilhelms II. Wilhelminismus genannt wird, so ist es unbillig, ihm die Schuld an den negativen Erscheinungen jener Zeit allein zuzuschieben - an der Großmannssucht, der parvenühaften Prahlerei und Protzerei. Der Kaiser war so, wie die Zeit war und wie sie ihn haben wollte. Und wenn wir die Kölner Hohenzollernbrücke mit den Denkmälern der Kaiser und Könige erwähnten, so beweist das nur, daß man gerade im Westen Preußen-Deutschlands von dem wirtschaftlichen Aufschwung der Wilhelminischen Ära profitierte und ihm auf diese Weise seinen Dank abstatten wollte.

Der preußische Osten Kostgänger des Reiches

Das preußische Kernland Ostelbien, ohne das es kein Deutsches Reich gegeben hätte, sah sich plötzlich in die Rolle des armen Mannes und Kostgängers des Reiches versetzt. Seine Getreideproduktion konnte nur durch hohe Schutzzölle am Leben erhalten werden. So ging man dort in den Schmollwinkel. 1898 las Fontane den Junkern die Leviten: „In unserer Oberschicht herrscht die naive Neigung, alles Preußische für eine höhere Kulturform zu halten." Ähnliches meinte Golo Mann, wenn er sagt, daß man gerade in Preußen einen Lebensstil und Herrschaftsformen bewahrte, die früher ihre Verdiente und damit ihre Daseinsberechtigung hatten, nun aber nicht mehr in die Zeit paßten. Haffner nennt den letzten wunderbaren Roman Fontanes „Der Stechlin" ein Abschiedswerk in jedem Sinne. „Es ist auch Fontanes Abschied von Preußen."
In seinem sehr beachtenswerten Roman „Die Prosna-Preußen" läßt Lipinski-Gottersdorf 6) einen Kreis von Adeligen aus der Nordostecke Oberschlesiens über den "Stechlin" diskutieren. Olga von Rewen, eine geborene Russin, die das Rittergut ihres Mannes, eines aktiven Offiziers, bewirtschaftet, will Fontane beweisen, daß der preußische Adel noch lebendiger sei als sein liebenswerter, aber sterbensmüder alter Stechlin. Der Besitzer von Schmongrow und Gastgeber von Morhaken stimmt ihr zwar zu, fordert allerdings eine Umstellung der Wirtschaftsmethoden. „Spezialisierung", sagt von Morhaken, „darauf kommt es an. Wir leben in einem Industriestaat und haben das noch nicht gemerkt, aber auch wir werden uns darauf einrichten müssen. Das Alte ist vorbei, auch in der Landwirtschaft." Morhaken beweist seinen Gästen, daß er selbst mit der Umstellung Ernst gemacht hat. In den ehemaligen Fohlenkoppeln - die Pferdezucht war ein kostspieliger Luxus, den die Herren vom Grundadel sich schuldig zu sein glaubten - tummeln sich mehrere hundert Läuferschweine im Schnee. Olga von Rewen ist aber nicht zu überzeugen. Sie meint, der Adel brauche sich nicht zu ändern, er habe in Preußen immer für den Staat gelebt. Eine Begründung, die die eben zitierten Worte von Theodor Fontane und Golo Mann bestätigt. Dazu noch die freche Bemerkung des Oberschlesiers August Scholtis: „Das Wohl des Staates scheint mir etwas, womit man rechts der Elbe gern seine Molke wässert." Scholtis, der zeit seines Lebens an den Enttäuschungen litt, die ihm das von ihm geliebte Preußen bereitete, schrieb als sein bestes Werk den Roman „Ein Herr aus Bolatitz", den auch der eben genannte Golo Mann mit Recht lobt. Der Herr von Bolatitz ist der Fürst Karl Max Lichnowsky, ein oberschlesischer Magnat, der 1912-1914 als Botschafter in London um eine deutsch-englische Verständigung bemüht war und der wegen der ohne sein Wissen veröffentlichten Schrift „Meine Londoner Mission 1912-1914", die das Auswärtige Amt in Berlin angriff, aus dem Preußischen Herrenhaus ausgestoßen wurde.

„Es muß wieder ein Krieg kommen!"

In den Ersten Weltkrieg sind die Völker Europas nach einem Wort des englischen Staatsmannes Lloyd George hineingestolpert. Es schien fast so, daß die Welt wieder reif für einen Krieg war - so unglaublich töricht sich das ausnimmt. Als Junge hörte ich die Erwachsenen immer wieder sagen: Das kann nicht mehr so weitergehen! Es muß wieder einmal ein Krieg kommen! Was nicht mehr weitergehen konnte, sagten sie nicht, vielleicht das gute Leben, das sie führten. Das Wort vom Stahlbad, das der Krieg sein sollte, ging um. Die Hurrastimmung bei Kriegsausbruch, wenn sie bei uns in Ostpreußen überhaupt aufkam, verschwand sehr bald vor der Angst vor der russischen Dampfwalze, die uns zu überrollen drohte. So wurde der Sieger von Tannenberg, Hindenburg, gerade bei uns sehr rasch eine populäre Gestalt.
Der Krieg ging verloren. Der Kaiser dankte ab und floh nach Holland, das ihm Asyl gewährte und ihn auch nicht an die Siegermächte auslieferte, als diese es forderten. Daß er noch König von Preußen bleiben könnte, war eine Selbsttäuschung, wie sich nur zu bald herausstellte. Auch Kronprinz Wilhelm entsagte allen Ansprüchen auf die preußische Krone und die Kaiserwürde. Ich erinnere mich noch, daß in mir 13jährigem eine Welt zusammenbrach, als ich am 9. November 1918 auf der Straße hörte, wie eine Frau zur anderen sagte: „Der Kaiser hat abgedankt!" Fast zu gleicher Zeit traten die drei großen Dynastien des europäischen Kontinents, die Romanows in Rußland, die Habsburger in Österreich-Ungarn und in Deutschland die Hohenzollern, von der Weltbühne ab. Haben die Deutschen, vor allem die Preußen, den Hohenzollern nachgetrauert? Wilhelm II. war uns fremd geworden, weil er, wir sagten es schon, im Kriege kaum noch hervorgetreten ist. Sahen wir sein Bild einmal in der Wochenschau oder in einer Illustrierten, konnten wir kaum fassen, daß der über eine Karte gebückte alte Mann mit dem grauen Spitzbart derselbe schneidige Kaiser war, der uns noch vor gar nicht so langer Zeit in Glanz und Gloria gezeigt wurde. Was man vom Kronprinzen erzählte, war auch nicht geeignet, ihm im deutschen Volk größere Sympathien zu wecken, so aufgebauscht vieles auch sein mochte. Das Hohenzollernerbe zu hüten sahen in der Weimarer Zeit die Deutschnationalen als ihre besondere Mission an. Sie fühlten sich als die „echten" Preußen. Zum Wirtschaftsimperium, das sich ihr Vorsitzender Hugenberg aufgebaut hatte, gehörten der Scherl-Verlag mit dem natürlich ganz in seinem Sinne eingestellten Massenblatt „Berliner Lokalanzeiger" sowie die größte deutsche Filmgesellschaft, die „Ufa". Diese drehte mehr oder weniger kitschige Fridericus-Rex-Filme. Die nationalistischen Gefühle, die sie erregten, kamen aber weniger den Deutschnationalen als den Nationalsozialisten zugute. Zwar trat Hugenberg am 30. Januar 1933 mit seinen Gesinnungsgenossen ä la Papen in das Hitler-Kabinett ein in dem naiven Glauben, den zu wirklicher politischer Arbeit angeblich unfähigen „Trommler" ans Gängelband nehmen zu können. Aber Hitler zeigte sehr bald, daß er allein zu regieren und schon gar nicht die Macht mit den Deutschnationalen zu teilen gewillt war. Schwer enttäuscht schied Hugenberg alsbald aus dem Kabinett aus. Hitler hat ihm keine Träne nachgeweint. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.
Als ich neulich beim Arzt war, fragte er mich, wie weit ich mit meiner Preußengeschichte gekommen sei, für die er sich sehr interessiert. Er sagte mir, daß er soeben wieder „Die Hohenzollern" von Reinhold Schneider gelesen habe. Zu Hause war mein erster Schritt an das Bücherregal, wo ich mir das schon reichlich vergilbte Fischer-Bändchen herausholte. Welche werden fragen, wieso Reinhold Schneider dazu kam, gerade den Hohenzollern ein literarisches Denkmal zu setzen, wie man so redet. Übernehmen wir ruhig, was das Herder-Lexikon über ihn vermerkt: „Schneider geht es um das Problem der Macht, die Erfahrung des Tragischen in der Geschichte." Diese Erkenntnis hat Schneider an den drei großen Hohenzollernherrschern, dem Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., dargestellt. Mich bewegt am meisten die Gestalt Friedrich Wilhelms I., den eine simple Geschichtsbeschreibung als den Soldatenkönig mit den langen Kerls abgestempelt hat. Auf den großartigen Roman über ihn - „Der Vater" - habe ich bereits hingewiesen. Der Verfasser Jochen Klepper ist auf traurige Weise geendet. Ehe seine jüdische Frau und seine Tochter nach Auschwitz verschleppt wurden, gingen alle drei in den Tod. Ein ähnliches Schicksal erlitt der vor allem als evangelischer Kirchenkomponist bekannte Hugo Distler. Übersensibel, wie er war, hatte er eine schreckliche Angst vor dem preußischen Kommiß. Um ihn davor zu bewahren, machte ihn der Intendant der Berliner Staatsoper, Tietjen, zum Leiter des Staatsund Domchores. Als er dann doch eines Tages den Einberufungsbefehl erhielt, schied auch Distler aus dem Leben.

„Könige müssen mehr leiden als andere"

Es wundert mich gar nicht, warum Sebastian Haffner, wie ich schon einmal sagte, mit Friedrich Wilhelm I. im Grunde wenig anzufangen weiß, auch wenn er ihn zu den beiden großen preußischen Königen rechnet. „Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen", der Ausspruch Friedrich Wilhelms ist das Motto von Kleppers „Vater"; „in tormentis", „unter Qualen", den Worten begegnen wir auch bei Reinhold Schneider. Im übrigen entziehen sich die Bücher Schneiders und Haffners jedem Vergleich. Schneider steigt in die Tiefen der menschlichen Seele hinab. Haffner, der seinen Instinkt für historische Vorgänge schon an seinen mit Recht gerühmten „Anmerkungen zu Hitler" bewiesen hat, liefert uns mitunter glänzend zugespitzte Formulierungen, die einen manchmal sogar überrumpeln können und darum ein wenig abgeklopft werden müssen. Das alles ist nicht abwertend gemeint, zumal ich selbst, wie die Leser schon bemerkt haben, mich ihrer gern bediene.
Der Erste Weltkrieg, wir sagten es schon, ging verloren. Das Bismarckreich aber blieb bestehen, wenn auch durch härteste Friedensbedingungen belastet, einschließlich der Gebietsabtretungen, die mit Ausnahme von Elsaß-Lothringen sämtlich auf Kosten Preußens erfolgten. Die schmerzlichsten Verluste waren der von Westpreußen, wodurch der sog. polnische Korridor zwischen Ostpreußen und dem Reich geschaffen wurde, sowie der von Ostoberschlesien. Die Monarchie wurde durch eine Republik ersetzt. Die Einsicht Churchills kam zu spät: „Eine weise Politik hätte die Weimarer Demokratie gekrönt und gefestigt, indem ein konstitutioneller Fürst in der Person eines minderjährigen Enkels unter einem Regentschaftsrat eingesetzt worden wäre." Können wir uns Prinz Louis Ferdinand als einen solchen Enkel vorstellen? Man sagt, daß Friedrich Ebert gar nicht so begeistert war, daß Philipp Scheidemann im November 1918 die Republik ausrief. Die Siegermächte, die sie von vornherein gefordert hatten, taten nichts, sie zu stützen - im Gegenteil, durch die Bedingungen des Versailler Vertrags war ihr Ende fast schon vorprogrammiert, ohne mit dieser Feststellung den Nihilisten Hitler zu rechtfertigen. In einer Monarchie wäre auch die infame „Dolchstoßlegende" nicht aufgekommen.

Brüning, „ein Preuße ohne Furcht und Tadel"

Ein deutscher Politiker, den in einer Besprechung seiner Memoiren in „Hochland" (Mai/Juni 1971) Albert Mirgeler einen Preußen ohne Furcht und Tadel und einen katholischen Preußen nennt, Heinrich Brüning, erklärt in diesen Memoiren wörtlich: „Stets betrachtete ich mich als Treuhänder des Reichspräsidenten (Hindenburg). Ihn wollte ich als Staatsoberhaupt erhalten mit dem Ziel, die friedliche Wiedereinführung der Monarchie vor seinem Ableben zu ermöglichen." Wir wissen, daß Brüning schon durch seinen Sturz nicht mehr dazu kam, sein Ziel zu verwirklichen - wenn es überhaupt nicht nur ein Wunschtraum war. Ob die Arbeiterschaft eine Monarchie der NS-Herrschaft vorgezogen hätte, wie Brüning meinte? Niemals, sagt immerhin der Monarchist Schoeps, wäre ein totaler Terrorstaat möglich gewesen, wenn die legitime oberste Staatsspitze erhalten geblieben wäre, im schlimmsten Fall ein Führer und Reichskanzler des Mussolinistils 7).

Hindenburg verpflichtete sich den Junkern

Der ostelbische, zum großen Teil adlige Großgrundbesitz erwies sich auch nach dem Ersten Weltkrieg trotz aller staatlichen Hilfe vielfach als nicht mehr lebensfähig. Als Brüning daran dachte, die am meisten unrentablen Güter aufzusiedeln, wurde er von den Junkern beim Reichspräsidenten als Agrarbolschewist verleumdet. Die Herren hatten es geschickt angestellt: Auf Veranlassung v. Oldenburgs war dem bisher besitzlosen Hindenburg mit Mitteln aus Industriekreisen zum 80. Geburtstag das Rittergut Neudeck in Westpreußen geschenkt worden. So hatten die Großagrarier Hindenburg zu einem der Ihrigen gemacht, und so fanden sie mit ihrer Anklage gegen Brüning bei ihm ein geneigtes Ohr. Schlauerweise ließen die Spender von Neudeck das Gut auch gleich für den Fall des Todes des alten Reichspräsidenten auf seinen Sohn Oskar überschreiben. Dieser revanchierte sich bei ihnen dadurch, daß er in der Folgezeit bei den verhängnisvollen Vorgängen, die schließlich zur Machtergreifung Hitlers führten, eine besonders schlimme Rolle spielte.
Die Beschwerde der Junker gab den letzten Anstoß zu Brünings Entlassung, nachdem dieser mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit Hindenburg zur Wiederwahl verholfen hatte. In Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", der natürlich Hitler ist, trat in der Aufführung des Ost-Berliner Brechttheaters eine Gestalt auf, die schon in der Maske Hindenburg täuschend ähnlich sah. Neudeck wird in dem Stück durch ein Haus am See vertreten. Zu spät erkennt der Hindenburg Brechts, was er angerichtet hat, als er - jetzt gebrauche ich das von mir an sich verpönte Wort selbst - den Faschisten an die Regierung
geholfen hat. Von Gewissensbissen geplagt, sagt er immer wieder: „Das Haus am See, das hätte ich nicht nehmen dürfen!" Ich gestehe, daß ich einigermaßen verwirrt war, als ich das Theater am Schiffbauerdamm verließ, um vom Bahnhof Friedrichstraße in mein Quartier in West-Berlin zu fahren. So sympathisch wie der Hindenburg Brechts ist mir der wirkliche Reichspräsident Hindenburg nie gewesen, der als 85jähriger schließlich dem Drängen der Papen, Hugenberg und seines Sohnes nachgab und Hitler, den er zunächst als „böhmischen Gefreiten" hartnäckig abgelehnt hatte, zur Macht kommen ließ.

Der Brüderstreit um den Brüningplan

Ich denke noch daran, wie wir an einem späten Augustabend, es muß im Jahr 1931 gewesen sein, mit dem Fuhrwerk vom Rochusfest in Neukirchhöhe nach Heinrichsdorf gefahren sind. Die Baumwipfel auf beiden Seiten des schmalen Landweges berührten einander fast, so daß wir nur einen schmalen Ausschnitt des Sternenhimmels zu sehen bekamen. Meine Aufmerksamkeit galt zunächst den zahllosen Glühwürmchen, die im Gebüsch flimmerten. Auch dachte ich daran, daß wir irgendwo zwischen Birkau und Dittersdorf nicht nur über die Kreisgrenze von Elbing und Braunsberg fuhren, sondern auch über die Grenze zwischen der alten Provinz Westpreußen und Ostpreußen. Dann aber mußte ich ein Streitgespräch anhören, das zwischen meinem Vater und seinem ältesten Bruder, Josef, Besitzer in Heinrichsdorf, in Gang gekommen war. (Bauern gab es bei uns nur im Ermländischen Bauernverein und in der NS-Zeit.) Worum ging es? Mein Vater, Lehrer in Braunsberg, meinte, es müsse möglich sein, wie es sich Brüning dachte, Arbeitslose aus dem Ruhrgebiet, die selbst oder deren Väter und Vorfahren aus dem Osten ins Revier abgewandert waren, zur Besiedlung der aufgelassenen Güter in ihrer angestammten Heimat zu bewegen. Onkel Josef widersprach ihm heftig. Er meinte, daß die Menschen, die vom Land in die Stadt gezogen seien, für die Landarbeit verloren seien, auch wenn sie m der Stadt in kümmerlichsten Verhältnissen leben müßten. Vor allem bezweifelte Onkel Josef, daß die Rücksiedler in der Lage sein würden, eine Wirtschaft zu führen, wenn sie vorher eine solche nicht besessen hätten. Der Streit der Brüder endete unentschieden: Brünings Entlassung ließ seine Absicht erst gar nicht zu den ersten Planungen kommen.
Der Triumph, den die Junker feierten, als Brüning gestürzt war, ist längst einem Katzenjammer gewichen. Sie haben erleben müssen, daß statt des angeblichen Agrarbolschewisten ihr Land jetzt unter der Herrschaft der wirklichen Bolschewisten und ihrer Satelliten geraten ist und sie ihre Rittergüter, die sie den geänderten Verhältnissen anzupassen oder, wenn sie sie nicht mehr halten konnten, aufzugeben sich mit Händen und Füßen sträubten, verloren haben. Da nutzt es auch nichts mehr, wenn Schoeps darauf hinweist, daß Churchill und mit ihm andere Staatsmänner erst viel später erkannt hätten, daß als die schlimmste Folge des Zweiten Weltkrieges mit der Zerschlagung Preußens und der Verdrängung aus seinen östlichen Grenzpositionen ein Platz auf der Landkarte leer geworden sei. Was natürlich aus der westlichen Sicht zu verstehen ist. Hatte Adenauer nicht ähnliches gemeint, als er es als den größten Fehler der englischen Politik bezeichnete, Preußen die „Wacht am Rhein" aufgedrängt zu haben, statt daß es, wie wir aus Adenauers Feststellung folgern dürfen, die „Wacht im Osten" als historische Aufgabe hatte? Wir werden uns dieser Frage erinnern, wenn wir den letzten Satz dieses Ganges durch die preußische Geschichte lesen.

Bismarcks „Reichsfeinde" regieren Preußen

Kehren wir zu den Vorgängen nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Preußen war zunächst bereit, in einem Deutschen Reich aufzugehen. Als aber die süddeutschen Staaten einen solchen Einheitsstaat ablehnten, zeigte sich auch Preußen bockig und war nicht willens, sich in mehrere Bundesstaaten aufzulösen, wie es z. B. Adenauer mit dem Rheinland beabsichtigte. Adenauer war gewiß kein Separatist, wie Böswillige ihm nachsagen, d. h., er strebte keine Loslösung des Rheinlandes von Deutschland an, sondern er wollte es zu einem eigenen Bundesstaat machen, wie es Bayern, Württemberg usw. auch waren. Die Preußen aber wollten, nachdem es mit dem Einheitsstaat nichts wurde, sich nicht in Rheinländer, Westfalen, Niedersachsen und Ostelbier ausdividieren lassen, wie es Haffner ausdrückt. So hätten Sozialdemokraten, Zentrumsleute und Liberale „halb trotzig, halb widerwillig das Erbe der preußischen Könige angetreten", und sie haben es, wenn man die Umstände bedenkt, nicht schlecht verwaltet. Übrigens behielten in der Weimarer Republik nur das Zentrum und die SPD ihre Namen bei, die Fortschrittler nannten sich Deutsche Demokratische Partei (zuletzt Staatspartei), die Nationalliberalen Deutsche Volkspartei, die Konservativen Deutschnationale Volkspartei.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine fast hektisch zu nennende politische Aktivität in der Bevölkerung ein. Unsere Eltern gingen immer wieder zu politischen Versammlungen, vor allem natürlich zu denen des Zentrums. In diesen wurde besonders gegen die gottlose Sozialdemokratie gewettert. So wirkte es auf viele brave Zentrumsleute wie ein Schock, als nach den Wahlen das Zentrum eine Koalition mit den Sozialdemokraten einging. Diesem Bündnis in den oberen Regionen entsprach keinesfalls das Verhältnis „an der Basis", wie man heute sagt. Wenn ein Freund neulich meinte, man müsse schon für die damalige Zeit zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten unterscheiden, so kann ich ihm nicht zustimmen. Bestätigt werde ich in meiner Meinung durch die Erinnerungen des früheren ostpreußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, eines SPD-Mannes aus Königsberg („Von Weimar zu Hitler", New York 1940), der die Begriffe sozialdemokratisch und sozialistisch als gleichwertig nebeneinander gebraucht. Sooft der großmächtige Erzpriester von Braunsberg Aloys Schulz von der Kanzel gegen den Sozialismus donnerte, zu dem sich das Christentum wie Feuer und Wasser verhalte, meinte er gewiß die Sozialdemokratie, die direkt beim Namen zu nennen ihn möglicherweise der immer noch gültige Kanzelparagraph hinderte (er wurde erst 1953 aufgehoben). Und ins Katholische Vereinshaus in Braunsberg kamen die Sozialdemokraten auch nach 1918 mit ihren Versammlungen nicht hinein, wohl aber die Deutschnationalen; obwohl diese in Preußen ständig und im Reich meistens in Opposition zum politischen Katholizismus in Gestalt der Zentrumspartei standen. Sie waren eben eine bürgerliche Partei.

Dr. Candidus Barzel wurde niedergeschrien

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Versammlung des Deutschnationalen Katholikenausschusses 1924 im Katholischen Vereinshaus, schon weil bei dieser mehrere unserer alten Lehrer in Erscheinung traten: Studienrat Ernst Krause auf deutschnationaler Seite, die Studienräte Franz Buchholz, Dr. Ernst Hohmann und Dr. Candidus Barzel auf der des Zentrums. Es ging bei dieser Versammlung für unsere Verhältnisse recht turbulent zu. Als Redner hatte man aus Köln Professor Martin Spahn geholt. Er war in Marienburg geboren worden, weil sein Vater, Peter Spahn, zu der Zeit dort Amtsrichter war. Als solcher hatte er von 1884 bis 1890 den Wahlkreis Braunsberg-Heilsberg als Zentrumsabgeordneter im Reichstag vertreten. Er wäre gern in Altpreußen geblieben, aber seine Frau zog es zurück in den Westen, und so mußte er mitziehen. Seit 1869 im Justizdienst stehend, wurde der bedeutende Jurist Peter Spahn 1898 Reichsgerichtsrat in Leipzig und 1905 Oberlandesgerichtspräsident in Kiel. Was damals großes Aufsehen erregte, war Schleswig-Holstein doch fast ausschließlich evangelisch. Die preußische Regierung, die sich die ständigen berechtigten Klagen über die Zurücksetzung der Katholiken besonders in den höheren Ämtern anhören mußte, wollte jetzt wohl zeigen, daß es auch andersrum ging. Peter Spahn machte ihr das insofern leichter, als er auf dem bürgerlich-konservativen Flügel des Zentrums stand. 1917 bis 1918 war er, der von 1891 bis 1896 entscheidend an den Arbeiten für das Bürgerliche Gesetzbuch beteiligt war, sogar königlich-preußischer Justizminister, nachdem er von 1912 bis 1917 Fraktionsvorsitzender der Zentrumspartei im Reichstag gewesen war.
Sein Sohn Martin wurde mit 26 Jahren vom Kaiser zum Professor der Geschichte in Straßburg ernannt, nach dem Verlust des Elsasses wirkte er in Köln. Nachdem er noch von 1910 bis 1912 im Reichstag das Zentrum vertreten hatte, trat er nach dem Krieg zu den Deutschnationalen über und schloß sich nach 1933 der NSDAP an. Seine Angriffe in der genannten Versammlung richteten sich natürlich vor allem gegen das Zentrum. Als in der Diskussion Dr. Candidus Barzel, der Vater Rainer Barzels, die Frage stellte, ob es besonders geschmackvoll sei, wenn der Redner gegen das Zentrum in dem Wahlkreis agiere, der seinen Vater als Abgeordneten dieser Partei in den Reichstag geschickt habe, wurde er niedergeschrien und mußte das Rednerpult verlassen. Vorsitzender des Deutschnationalen Katholikenausschusses im ganzen Reich war der Vorgänger Konrad Adenauers als Oberbürgermeister von Köln, Max Wallraf, der 1917 Staatssekretär im Reichsamt des Inneren wurde. Adenauer selbst war übrigens der Sohn eines aktiven preußischen Unteroffiziers, der nach der Schlacht bei Königgrätz wegen besonderer Tapferkeit vor dem Feind zum Leutnant befördert wurde, was eine ganz große Ausnahme war. Nach seiner Verabschiedung aus dem Militärdienst brachte Adenauers Vater es im Justizdienst zum obersten Verwaltungsbeamten des Kölner Appellationsgerichts. Jetzt sage ich eine kleine Ketzerei: Ich habe in der straffen Haltung Konrad Adenauers, der alles andere als ein Preußenfreund sein wollte, und an so manchem in seiner Art oft ein väterliches Erbteil festzustellen gemeint. Eine hübsche Bemerkung aus den Erinnerungen des früheren Kölner Generalintendanten Oskar Fritz Schuh sei bei dieser Gelegenheit noch ganz nebenbei zitiert. Schuh kommt natürlich auch auf den Kölner Karneval zu sprechen, und dazu entfährt ihm der Satz: „In der Prinzengarde steckt Preußengeist." Da komme noch einer und sage, die Rheinländer und speziell die Kölner wollten nichts von den Preußen wissen!

„Braun und Severing waren Männer!"

Ob die ehemaligen „Reichsfeinde" gern oder ungern die Aufgabe übernahmen, die preußische Regierung zu stellen - man muß es ihnen lassen, sie haben, wie schon gesagt, Preußen bis zum bitteren Ende von 1932 gar nicht schlecht regiert. Ministerpräsident war die meiste Zeit Otto Braun, ein geborener Königsberger, von Beruf Buch- und Steindrucker, Innenminister viele Jahre der Westfale Karl Severing. Braun wurde der rote Zar von Preußen genannt. Jedenfalls war Preußen gegenüber dem Reich, wo die Regierungen ständig wechselten, gewissermaßen der ruhende Pol. „Der Braun und der Severing, das waren Männer!" pflegte mit blitzenden Augen Franz Pingel, Propst von Marienburg und langjähriger Abgeordneter des Zentrums im Preußischen Landtag, zu sagen, wenn wir ihn in seiner letzten Zuflucht auf Erden, im Pfarrhaus von St. Karl Borromäus in Köln, besuchten. Wegen seines Eintretens für die Koalition mit den Sozialdemokraten hieß Pingel der „rote Propst". Der erste preußische Ministerpräsident nach dem Krieg, der Sozialdemokrat Paul Hirsch, hatte noch am 29. März 1919 gesagt: „Aus dem alten Preußen wollen wir in die Zukunft das hinübernehmen, was gut an ihm war: den schlichten Geist echter Pflichterfüllung und den Geist nüchterner Sachlichkeit. Durch eine schwere Zeit muß unser Land hindurch. Das neue Preußen wird sich genau wie das alte großhungern müssen." Und am 5. September 1922 erließ der Innenminister Severing eine Verfügung zur Bekämpfung des Schlemmens in Gasthäusern, Dielen, Bars usw. Sie mutet uns heute angesichts der wilden „goldenen 20er" garadezu rührend an.

Der Ermländer siegte über den Parteimann

Daß in der Personalpolitik durch die Koalition zwischen Zentrum und Sozialdemokraten die Katholiken stärker berücksichtigt wurden, deuteten wir schon an. 1929 kam das Konkordat zwischen Preußen und dem Heiligen Stuhl zustande, der in Berlin durch den Nuntius Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., vertreten wurde. Im kirchentreuen Ermland wurde das Konkordat freilich nicht mit ganz ungeteiltem Beifall aufgenommen. So mußte das Domkapitel zwei Stellen an das neugegründete Bistum Berlin abgeben. Vor allem verlor die ermländische Diözese ihre seit 400 Jahren bestehende Exemtion, d. h. ihre unmittelbare Unterstellung unter den Heiligen Stuhl. Sie wurde der neugegründeten Kirchenprovinz Breslau zugeteilt. In einem Artikel in der Ermländischen Zeitung beklagte sich Otto Miller, wenn ich mich nicht sehr irre, besonders auch darüber, daß man Bischof Augustinus Bludau über die das Ermland betreffenden Maßnahmen bei der Vorbereitung des Konkordats im unklaren gelassen habe. Die Nuntiatur antwortete auf Millers Beschwerde mit einer geharnischten Gegenerklärung in der Berliner katholischen Zeitung „Germania", die Otto Miller mit der ihm eigenen Gelassenheit hingenommen hat.
Bei der Abstimmung über das Konkordat im Preußischen Landtag stimmten die Deutschnationalen dagegen - mit einer Ausnahme: Der Bauer Goldau aus Schönwiese bei Guttstadt entschied sich für das Konkordat. Der Ermländer in ihm war stärker als der Parteimann. Goldau wurde aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgeschlossen und legte sein Landtagsmandat nieder. In der Weimarer Zeit kam es allen Bemühungen Pacellis zum Trotz zu keinem Reichskonkordat, erst unter Hitler . . .
Auf kulturpolitischem Gebiet ist die Berufung des Königsbergers Leopold Jessner, der bis dahin Intendant des Neuen Schauspielhauses in seiner Vaterstadt war, zum Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses am Berliner Gendarmenmarkt zu erwähnen. Nach dem Urteil des Dichters Carl Zuckmayer machte Jessner aus dem verstaubten Hoftheater in einem einzigen Jahr die bedeutendste Bühne im deutschen Sprachbereich. Der Berliner Universitätsprofessor Dr. Carl Heinrich Becker ersetzte als Kultusminister die Lehrerseminare durch die pädagogischen Akademien.

Papens Staatsstreich von 1932

Das Ende des preußischen „Musterstaates" war freilich alles andere als ruhmvoll. Immer mehr erwies sich das Nebeneinander der Reichsregierung und der Regierung von Preußen, das weit größer war als alle übrigen Bundesländer zusammen, als wenig glücklich. In der kaiserlichen Zeit waren beide durch die Personalunion zwischen dem Reichskanzler und dem preußischen Ministerpräsidenten verzahnt. So regte Otto Braun im August 1931 eine ähnliche Zusammenfassung der beiden Regierungen an, wobei er dem Reichskanzler Brüning den Vortritt lassen wollte. Aber es wurde nichts daraus. Braun blieb nur deshalb im Amt, weil sich auch in Preußen durch das Anwachsen der radikalen Flügelparteien eine Regierung mit parlamentarischer Mehrheit als unmöglich erwies. Am 4. Juni 1932 ging Braun erschöpft und kränkelnd mit der Absicht, nicht mehr in sein Amt zurückzukehren, in Urlaub, zunächst in sein Dreizimmerhäuschen in Zehlendorf. Sein Stellvertreter war der Wohlfahrtsminister Hirtsiefer vom Zentrum. Der Innenminister Severing erwies sich ohne die Rückendeckung Brauns als weitgehend hilflos. Jedenfalls zeigten sich die von unserem lieben Propst Pingel als Männer gerühmten Braun und Severing im entscheidenden Augenblick eigentlich wenig mannhaft. So konnte der Reichskanzler von Papen, der inzwischen Brüning abgelöst hatte, am 20. Juli 1932 sich vom Reichspräsidenten von Hindenburg als Reichskommissar für das Land Preußen bestellen lassen und als solcher Braun und Severing ihrer Ämter entheben. Der ganze Vorgang ist als "Papenschlag" oder „Preußenschlag" in die Geschichte eingegangen. Wie sollte die preußische Regierung darauf reagieren? Der Ministerialdirektor im preußischen Innenministerium Klausener hat später über den 20. Juli 1932 gesagt, die Entscheidung wäre anders ausgefallen, wenn Preußen die gesamte Polizei in die höchste Alarmstufe versetzt hätte und Severing zwei schwerbewaffnete Hundertschaften der Polizei hätte aufmarschieren lassen und in Begleitung mehrerer Polizeioffziere sich zur Kabinettssitzung, in der der „Preußenschlag" verkündet wurde, begeben hätte mit der Frage: „Was wollen Sie, Herr von Papen?" Diese Äußerung klingt sehr kühn, aber angesichts der schon unsicheren Einstellung der Polizei, besonders ihrer Offiziere, und vor allem der Haltung der Reichswehr auch recht problematisch. Schon am 12. Juli hatte die Reichsregierung beschlossen, daß für den Fall, daß Widerstand zu erwarten sei, über Berlin und Umgebung der militärische Ausnahmezustand zu verhängen sei. Tatsächlich wurde der Beschluß am 20. Juli in Kraft gesetzt, als Severing doch erklärte, er werde nur „der Gewalt weichen". Die spätere Rechtfertigung Brauns und Severings, sie hätten durch ihr Verhalten den Bürgerkrieg vermeiden wollen, wird man nicht so ohne weiteres vom Tisch wischen können, sosehr man ihnen einen besseren Abgang gegönnt hätte. Die Dienstgeschäfte des Ministerpräsidenten übernahm von Papen selbst, die Leitung des preußischen Innenministeriums übertrug er dem Essener Oberbürgermeister Bracht. Dieser wurde der Zwickel-Bracht genannt, weil er verfügte, daß die Badehosen mit einem Zwickel versehen sein müßten. Hagen Schulze nennt in seiner Biographie Otto Brauns, die für die Geschichte der Weimarer Zeit überhaupt wertvoll ist, das Vorgehen von Papens einen Staatsstreich.

Konrad Adenauer machte nicht mit

Otto Braun, der sich inzwischen wieder eingeschaltet hatte, ging vor den Staatsgerichtshof. Von den süddeutschen Staaten, die ohnehin nicht bereit waren, mit einer zu scharfen Reaktion den Bruch mit von Papen zu riskieren, schloß sich Bayern zwar der Klage Brauns an, vergaß aber nicht zu betonen, daß sich Preußen in der Vergangenheit immer als schärfster Gegner Bayerns erwiesen habe. Das Ergebnis der Klage Brauns: „Brecht hat das Recht, Bracht hat die Macht!" So hieß es im Volk nach dem Urteil. Brecht war der Prozeßbevollmächtigte Brauns, Konrad Adenauer, Präsident des Staatsrats, der Vertretung der preußischen Provinzen, bemühte sich vergeblich um einen Vergleich. Später, schon nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, erhob das preußische Staatsministerium eine Klage gegen die Notverordnung, die die Auflösung des Preußischen Landtags zum Ziel hatte. Bemerkenswerterweise wollte Adenauer in dieser Klage nicht mit aufgeführt werden, weil „das Ministerium Braun sich in seiner ganzen Amtszeit gegenüber dem Staatsrat doch so unfreundlich benommen hat, daß ich es nicht für angemessen halte, als Präsident des Staatsrats ihm besondere Hilfestellung zu leiten". Was Adenauer auch nicht vor seiner Entlassung als Oberbürgermeister von Köln durch Göring rettete. Am 25. März 1933 teilte der Amtliche Preußische Pressedienst den endgültigen Amtsverzicht der preußischen Minister der Öffentlichkeit mit, wo die Meldung „auf mildes Erstaunen stieß, daß es das Kabinett Braun bis jetzt noch gegeben habe".
Am 11. April 1933 wurde Hermann Göring zum Preußischen Ministerpräsidenten und Innenminister ernannt. Er gab den Anstoß zur Gründung der Geheimen Staatspolizei, Gestapo genannt, deren Leitung er später an Himmler und Heydrich abtrat. Wahrscheinlich im Verein mit diesen Komplizen stellte er eine Liste für den Fall auf, daß, wenn Hitler gegen die SA#Führer vorgehe, gleichzeitig in Berlin unter den Parteigegnern aufgeräumt werden sollte. Was denn auch geschehen ist.

Göring ließ Erich Klausener ermorden

Am 30. Juni 1934 und in den folgenden Tagen wurden gelegentlich des sogenannten Röhmputsches in Berlin u. a. die beiden Generale von Schleicher und von Bredow ermordet sowie die engsten Mitarbeiter von Papens, von Bose und Edgar Jung, der für seinen Herrn eine bemerkenswert mutige Rede über die Mißstände des NS-Regimes ausgearbeitet hatte, die von Papen dann vor den Marburger Studenten hielt. Ein Opfer des Berliner Massakers wurde auch der schon genannte Ministerialdirektor Erich Klausener, der in seinem Amtszimmer im Berliner Ministerium ermordet wurde. Klausener hatte sich als sehr rühriger Vorsitzender der Katholischen Aktion bei der Partei höchst unbeliebt gemacht. Noch am 24. Juni 1934 hatte er in der Rennbahn von Berlin-Hoppegarten 60 000 Gläubige zum 42. Berliner Katholikentag versammelt und bewegende Schlußworte an sie gerichtet. Da man die Reaktion nicht nur unter den Berliner Katholiken fürchtete, gab man vor, daß Klausener Selbstmord begangen habe. Dem stellvertretenden US-Hauptankläger bei den Nürnberger Prozessen, R. M. W. Kempner, der bis 1933 unter Klausener als Oberregierungsrat im Preußischen Innenministerium tätig gewesen war, hat Göring nach einigen Ausflüchten gestanden, daß er persönlich für die Ermordung Klauseners verantwortlich gewesen sei.
In der Folgezeit hatte Göring als Preußischer Ministerpräsident und Minister des Innern sowie als Reichsstatthalter von Preußen wenig mehr zu bedeuten. Der „Reichsmarschall", zweiter Mann an der Seite Hitlers, bis ihn Ende des Krieges Bormann verdrängte, war aber ein Meister der Korruption und führte auf Schloß Karinhall ein verschwenderisches Leben. Die eigentliche Macht lag bei den Gauleitern, deren Gaue sich im Osten in den meisten Fällen mit den Provinzgrenzen deckten, so daß die Gauleiter zugleich Oberpräsidenten waren. Als solche unterstanden sie wohl Göring, aber wer sprach schon in Ostpreußen vom Oberpräsidenten Koch? Die Rede war nur vom Gauleiter, der im übrigen aus Wuppertal stammte und sich mit Hilfe der Erich-Koch-Stiftung schamlos bereicherte. Hitler, der seinen Gauleitern eine fast sentimentale Zuneigung bewahrte, nannte sie „Gau-Könige", „die nur die ganz großen Weisungen von oben erhalten", und zwar durch Bormann. Allerdings sollte ihr Amt nicht erheblich werden!

Maximilian Kaller Erzbischof von Köln?

Ein Mitspracherecht stand Göring in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident in kirchenpolitischen Fragen zu. So berichtet Ulrich von Hehl in seinem Buch „Katholische Kirche und Nationalsozialismus im Erzbistum Köln 1933 bis 1945" (Mainz 1977), daß nach der Wahl von Joseph Frings durch das Domkapitel am B. März 1942 das Regierungspräsidium, das Reichsicherheitshauptamt (seine wichtigste Untergliederung war die Gestapo), das Reichskirchenministerium sowie der Ministerpräsident mit der Anfrage befaßt wurden, ob staatlicherseits gegen den Erwählten Bedenken erhoben würden. Solche äußerte allein Göring, die sich aber weniger gegen die Person von Frings richteten als gegen die angeblichen staatsfeindlichen Umtriebe in dem von ihm als Regens geleiteten Bensberger Priesterseminar. Am 17. April erging dann doch das staatliche Einverständnis mit der Wahl von Frings an das Domkapitel. Frings soll der achte Kandidat für den durch den Tod von Kardinal Schulte verwaisten Kölner Erzbischofsstuhl gewesen sein. Die sieben von Frings diskutierten Kandidaten scheiterten entweder an dem Einspruch des Staates bzw. der NSDAP oder der Kirche. Offiziell wurden die Namen der Kandidaten nicht bekanntgegeben, aber sie sickerten durch verschiedene Kanäle durch, von denen einer die Gestapo war. Als erste Kandidaten glaubte man den Bischof von Berlin, Graf von Preysing, und den Bischof von Ermland, Maximilian Kaller, nennen zu können. Daß beide den Nationalsozialisten am wenigsten genehm waren, läßt auch aus einer von seinem Mitarbeiter Walter Adolph am 4. Februar 1938 aufgezeichneten Bemerkung von Preysings erkennen: „Klar sähen nur noch Kaller und er." Dennoch scheint von Preysing mit seiner Versetzung nach Köln gerechnet zu haben. Und Maximilian Kaller? Bischof Wienken, der Kontakte zu Regierungs- und Parteistellen besaß, hatte schon 1937 oder Anfang 1938 auf dem Geheimen Staatspolizeiamt erfahren, daß Kaller noch vor Graf Galen der bestgehaßte Bischof sei.

„Königlich-Preußischer Generalmusikdirektor"

Zuständig war Göring als preußischer Ministerpräsident noch für die Preußischen Staatstheater, die er dem Zugriff des eigentlichen Theaterministers, seines Intimfeindes Goebbels, entzog wir dürfen sagen, nicht zu ihrem Schaden. Göring führte sich auf wie ein Pascha, und als solcher brauchte er zu seiner Selbstdarstellung „das beste Theater der Welt". Den Generalintendanten Heinz Tietjen, einen hervorragenden Theatermann, der vor allem für die Staatsoper zuständig war, ließ er in seinem Amt. In den folgenden Jahren soll Goebbels elfmal vergeblich versucht haben, Tietjen zu stürzen. Das Staatliche Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt war nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zunächst zwei alten Parteigenossen ausgeliefert worden. Als diese beiden nicht das Theater machten, wie er es sich vorstellte, jagte Göring sie zum Tempel hinaus. Auf den Rat von Tietjen berief er zum allgemeinen Erstaunen einen Mann, der nun wirklich alles andere als ein typischer Nationalsozialist war: den 34jährigen Gustaf Gründgens. Dieser folgte in seiner Tätigkeit als Intendant des Schauspielhauses den Spuren des in Königsberg geborenen Leopold Jessner und übernahm von diesem auch das großartige Ensemble mit dem genialen Regisseur Jürgen Fehling. Goebbels schäumte vor Wut. Gründgens war davon überzeugt, daß dieser ihn sofort ins KZ steckte, wenn er nur an ihn herankam. Aber Göring hielt seine schützende Hand über ihn. Mit Hilfe von Görings Frau, der früheren Schauspielerin Emmy Sonnemann, und der bei Göring gut angeschriebenen Schauspielerin Käthe Dorsch gelang es Gründgens, eine Anzahl von Schauspielern, die jüdische Frauen hatten, am Staatstheater zu halten, ohne daß sie sich von ihren Frauen trennen mußten. Man hat Gründgens vorgeworfen, er habe durch sein künstlerisches Genie nicht nur seinem eigenen Ruhm, sondern auch dem des Nationalsozialismus genutzt. Sein ehemaliger Schwager Klaus Mann tut dies z. B. in seinem Schlüsselroman „Mephisto", der als Theaterstück auch auf unseren Bühnen aufgetaucht ist. Wir Theaterfreunde, die wir in den „tausend Jahren" nicht emigrieren konnten, waren glücklich, daß Gründgens bei uns geblieben war. Wenn ich in den herrlichen Schinkelbau am Gendarmenmarkt ging, hatte ich das Gefühl, ich beträte eine Oase der geistigen Freiheit. Heute gehe ich nur noch mit einem Gefühl der Angst in ein Theater, weil ich befürchten muß, daß mir entweder ein Klassikermord oder ein Tendenzstück oder auch beides zusammen zugemutet wird.
An der Berliner Staatsoper dirigierte bis 1937 der Volljude Leo Blech. Als er nach dem Krieg über Riga und Stockholm nach Berlin zurückgekehrt war, stand in der Todesanzeige unter seinem Namen: „Königlich-Preußischer Generalmusikdirektor."

Träger alter preußischer Namen

Die Feststellung, daß die Generale gern aus Hitlers Hand den Marschallstab entgegennahmen (vgl. oben, Seite 53), ist dahingehend zu ergänzen, daß einer von ihnen, Erwin von Witzleben, der von den Widerstandskämpfern als Oberbefehlshaber der Wehrmacht vorgesehen war, nach dem mißglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und hingerichtet wurde. Die Feldmarschälle Erwin Rommel und Günther von Kluge verübten Selbstmord, um dem Bluthund Freisler zu entgehen. Bemerkenswert gerade im Hinblick auf die soeben getroffene Feststellung ist die Äußerung über von Kluge (Publikation „20. Juli 1944" der Bundeszentrale für Heimatdienst Bonn): „Er lehnte Hitler ab, fühlte sich aber doch immer wieder an ihn gebunden - vielleicht sprach das verpflichtende Gefühl mit, das ihm aus der Annahme besonderer Ehrungen aus der Hand Hitlers erwuchs." Solche Gründe werden andere für Hitlers Gegner gehaltene Feldmarschälle bewogen haben, sich nicht am aktiven Widerstand gegen den „Führer" zu beteiligen. Wenn dem so ist, wäre es ein Beweis für Hitlers gerissene Taktik im Umgang mit Menschen, die er brauchte. Unter den Widerstandskämpfern, die nach dem 20. Juli 1944 gleichfalls vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden, finden sich Träger alter preußischer Namen wie Dohna, Lehndorff, Kleist, Schulenburg, Moltke, Schwerin, York von Wartenburg. Doch ging es ihnen nicht mehr um Preußen, sondern, wie der Bayer Graf von Stauffenberg - man sagt, er sei ein Nachkomme Gneisenaus gewesen - kurz bevor ihn wegen seines Anschlages auf Hitler die tödliche Salve traf, ausrief, um das „heilige Deutschland". Eines dürfen wir nicht vergessen: Wäre das Attentat geglückt, wäre unweigerlich eine zweite Dolchstoßlegende aufgekommen. Denken wir nur an das viele Geschwätz von den Wunderwaffen, die der Führer noch als letzte Reserve besitze und die er im Fall eines gelungenen Attentats nicht mehr habe einsetzen können. Er hat sie auch so nicht eingesetzt - weil er sie nicht hatte.
War nach dem Ersten Weltkrieg das Deutsche Reich und mit ihm Preußen am Leben gelassen worden, so gibt es heute kein Deutsches Reich und kein Preußen mehr. Letzteres war, wie wir sahen, in der NS-Zeit ohnehin fast schon zur Attrappe geworden, nachdem Hitler noch einmal durch die makabre Beschwörung des Geistes von Potsdam mit dem Komödienspiel in der Garnisonskirche den alten Reichspräsidenten von Hindenburg, der von ihm die Wiederherstellung der Monarchie erwartete, eingelullt hatte. Wieder ist die Elbe zur Scheidelinie geworden, wie nach dem Frieden von Tilsit 1807. Blieb damals das alte preußische Gebiet östlich der Elbe dem Königreich erhalten, so ist gerade dieses jetzt für die freie Welt verloren. Was die Sowjets und Polen nicht für sich beanspruchten, wurde der Kern der moskauhörigen „Deutschen Demokratischen Republik", aus der als eine Insel der Freiheit Westberlin herausragt. Das Neupreußen westlich der Elbe und der Werra wurde auf die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz verteilt. Mit Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Bremen bilden diese Länder, zu denen dann 1957 das Saarland trat, die Bundesrepublik Deutschland.

Der Arbeitssohn und der Graf

Bewegend ist der Briefwechsel, der nach der Katastrophe zwischen zwei standes- und wesensverschiedenen Menschen zustande gekommen ist. Was sie einte, war die Liebe zur gemeinsamen ostpreußischen Heimat. Der eine der Briefschreiber war der frühere Ministerpräsident Otto Braun, der seit März 1933 im schweizerischen Ascona lebte. Während viele seiner Genossen unter „dem Zwiespalt zwischen der evolutionären sozialistischen Ideologie der Partei und dem unüberwindbaren Kompromißcharakter des liberalen Parteistaates litten" (H. Schulze), hatte Braun solche Komplexe nicht. Er sei davon überzeugt gewesen, schreibt Schulze weiter, daß sein Rezept für die Arbeiterklasse ebenso wie für das Volksganze richtig gewesen sei: „ein demokratisch-parlamentarischer Staat auf strikt rechtlichen Grundlagen, bestimmt, das demokratische Bürgertum und die sozialdemokratische Arbeiterschaft, den politischen Katholizismus und die kirchlich nicht gebundene Linke für die Dauer zusammenzuführen." Schulze zitiert dazu den schon genannten Historiker Golo Mann, Sohn von Thomas Mann, vor allem durch seine „Wallenstein"-Biographie bekannt geworden. „Vielleicht ist nie seit dem Freiherrn von Stein den Deutschen ein anständigerer Begriff politischen Zusammenlebens angeboten worden." Da hat unser Propst Pingel mit seinem Lob für Braun doch so unrecht nicht gehabt. Der Briefpartner Brauns war der frühere Reichsernährungsminister Graf Kanitz, den älteren Ermländern zumindest dem Namen nach bekannt. Er war keiner von den reaktionären Junkern, was sein Übertritt von den Deutschnationalen zur liberalen Deutschen Volkspartei beweist. Wir sind ihm bereits in dem Beitrag „In schwerer Zeit bewährt" (UEH 24,4) als Entlastungszeugen für den von den Nationalsozialisten entlassenen Landrat von Pr. Holland, Dr. Robert-Tornow, begegnet. Seit Rittergut Podangen lag im Pr. Holländer Kreis an der ermländischen Grenze in der Nähe von Wormditt. Graf Kanitz schüttete dem Königsberger Arbeitersohn sein „schmerzerfülltes Preußenherz hemmungslos aus", und Braun redete ihm gut zu. Es handele sich zur Zeit, schrieb er Kanitz, darum, ob man ein geschichtliches Faktum anerkennen oder weiter seinen Wünschen nachhängen wolle. „Tatsache ist, daß die Siegermächte unter Ausnutzung des in der ganzen Welt grassierenden Preußenkollers Preußen als Staatsbegriff z. Z. von der Landkarte ausgestrichen haben. Die Frage, ob es gerechtfertigt war, ob es klug und politisch weitsichtig war, spielt z. Z. keine Rolle." Wir haben früher auf die zu späten Einsichten Churchills und anderer westlicher Staatsmänner hingewiesen. Braun fährt fort: Man könne nur für eine gerechte historische Beurteilung Preußens werben. Aber auch dafür sei die politische Atmosphäre noch zu vergiftet, „da alles Unheil, das die Naziverbrecher über Deutschland und die Welt gebracht haben, unter Mißachtung des tatsächlichen Verhältnisses auf Preußen zurückgeführt wird. Also", schließt Braun seinen Brief, „mein lieber Graf, wir müssen uns noch gedulden."
Schieben wir schnell zwei Sätze aus den „Erinnerungen" des großen Sozialdemokraten Professor Carlo Schmid ein, der im letzten Krieg als Militärverwaltungsrat in Lille in Nordfrankreich eingesetzt war. Schmid, in Frankreich geborener Sohn eines schwäbischen Vaters und einer französischen Mutter, schreibt: „Der bisherige Oberfeldrichter wurde durch Wilhelm Klinkert, einen schwerverwundeten Reserveoffizier und Rechtsanwalt aus Kolberg in Pommern, abgelöst. Wir verbrachten viele Abende zusammen, und ich lernte in ihm einen Preußen kennen, der mit Leib und Seele Soldat war, aber - und das war auch preußisch an ihm - nicht das geringste für den Nationalsozialismus übrighatte."

„Der preußische Traum"

Erwähnen wir noch die Worte, die Henning von Tresckow an seine Söhne anläßlich ihrer Konfirmation gerichtet hat. Tresckow war beim Überfall auf Polen erster Generalstabsoffizier der 228. Landwehr-Infanterie-Division. Zu ihr gehörte auch das im Raum Braunsberg aufgestellte Infanterieregiment 356. Als die 13. Kompanie diese Regimenter im August 1939 von ihrem Sammelpunkt Huntenberg durch die nächtlichen Straßen Braunsbergs zum Bahnhof zog, um ins „Übungsgelände" an der polnischen Grenze verladen zu werden, war ich buchstäblich der letzte Schütze dieser Kompanie. Hinter mir kam nur noch der Spieß, bei unserer bespannten Kompanie hoch zu Roß. Tresckow war, wie Bodo Scheurig in seiner kürzlich auch als Ullstein-Taschenbuch erschienenen Biographie bemerkt, zunächst als aktiver Offizier wie viele seiner Potsdamer Kameraden von Hitler und dem Nationalsozialismus angezogen worden. Seine Wandlung wurde durch die Ereignisse vom 30. Juni 1934 bewirkt. Scheurig drückt seine Reaktion mit folgenden Worten aus: "Ungeheuerliches war geschehen. Der Führer des Staates und seine Regierung hatten ungestraft gemordet." Seitdem entwickelte sich von Tresckow zu dem neben Graf. Stauffenberg unbedingtesten und aktivsten Vorkämpfer des militärischen Widerstandes gegen Hitler.
In seiner Ansprache an die beiden Söhne am 11. April 1943 erinnerte von Tresckow sie zunächst daran, daß ihre Einsegnung an einer besonders ehrwürdigen Stätte des Preußentums erfolge, in der Potsdamer Garnisonskirche. Dieses Preußentum, fuhr er fort, „birgt eine große Verpflichtung in sich, die Verpflichtung zur Wahrheit, zur innerlichen und äußerlichen Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum Letzten. Aber man soll niemals vom Preußentum sprechen, ohne darauf hinzuweisen, daß es sich damit nicht erschöpft. Es wird so oft mißverstanden. Vom wahren Preußentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen selbstverständlicher Unterordnung und richtig verstandenem Herrentum, zwischen den Stolz auf das Eigene und Verständnis für anderes, zwischen Härte und Mitleid. Ohne diese Verbindung läuft es Gefahr, zu seelenlosem Kommiß und engherziger Rechthaberei herabzusinken. Nur in der Synthese liegt die deutsche und europäische Aufgabe des Preußentums, liegt der preußische Traum!"

Der letzte Pfeiler weggerissen

Seinem Nachwort von 1933 hat Reinhold Schneider in seinem Hohenzollernbuch noch ein zweites hinzugefügt, das die Zeit von 1933 bis 1945 umfaßt. Alles, was über die Tragödie der zwölf Jahre zu sagen sei, schreibt Schneider, stehe in den wenigen Zeilen, die der am 5. September 1939 im Alter von 24 Jahren in Polen gefallene Prinz Oskar von Preußen, ein Enkel Wilhelms II., in der Erleuchtung frühen Todes mit der Genialität des Abberufenen geschrieben habe: „. . . Jetzt sind wir am Ende. Vor uns dehnt sich die Steppe ohne Maß, ohne Halt, und scheint im Osten drohend zu glühen. Rauch steht am Himmel. Es gibt nur noch ein Vorwärts, zu den fernen Linien, hinter denen sich unser Schicksal schwer und dumpf fertig schreibt. Wir werden ihm nicht entgehen. Mit uns tragen wir das Bild von zwei Jahrtausenden glanzvoll ragender Geschichte, und nur ein stilles Leuchten blieb von den Kränzen und Bändern, die sie gewunden . . . Wir stehen vor den brennenden Toren Europas und ziehen hinein in unser Ragnarök, und ein Schauer des Glaubens verklärt unsere Züge, von dem, der da sagt, daß er bei uns sein wolle bis an der Welt Ende." Ragnarök, das ist der in einem Lied der Edda geschilderte Weltuntergang. Wie Prinz Oskar ist auch sein Vetter Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, im Zweiten Weltkrieg gefallen. Später verfügte Hitler, daß die Mitglieder früherer Herrscherhäuser wehrunwürdig seien. Daraufhin übernahm der zweite Sohn des Kronprinzen, Prinz Louis Ferdinand, den kaiserlichen Privatbesitz Cadinen. Durch seine Heirat mit der Tochter des Großfürsten Kyrill, der sich nach der Ermordung Nikolaus' II. durch die Bolschewisten selbst als Zar bezeichnete, war Louis Ferdinand mit seiner Familie beim Einmarsch der Sowjets besonders gefährdet. Doch gelang es ihm, mit seinen Arbeitern den rettenden Westen zu erreichen.
Geben wir Reinhold Schneider selbst das Schlußwort unseres Ganges durch die preußische Geschichte: „So war das Ende vorweggenommen, das sich am 14. September des Jahres 1952 auf der Burg Hohenzollern in einer Sichtbarkeit darstellte, die dem Ende einer Machtform nur selten gewährt wird. In der oberen Kapelle erklang bei geöffneten Fenstern die Flötenmelodie Friedrichs noch einmal, das Solo von Sanssouci, Gegenwart einer königlichen Seele. Sie schwang sich in den grenzenlosen Herbsthimmel über dem schwäbischen Land, dem, wie der Hohenzollern, der Hohenstaufen entsteigt; sehr fern waren auch die Habsburger nicht, und die Herzogsburg Urach, und es war das Fest der Kreuzerhöhung, der Tag, der als einzig mögliche Verheißung dem schweren Sterben Philipps II. folgte, der Agonie der spanischen Macht. In der unteren Kapelle, die noch den Namen des alten Glaubens der Erbauer führt, standen unter Blumen die Särge Friedrich Wilhelms und seines Sohnes, an den Ursprung zurückgeschleudertes Strandgut. Vom Königreich war nicht soviel Erde geblieben, wie die Särge beanspruchten, eben die Särge, über denen im März des Jahres 33 Ragnarök aufgenommen war. Die stärkste Form, die sich in die östliche Flut gestellt hatte, war geborsten, der letzte Pfeiler weggerissen.“

_______________

1)Hier sei noch auf zwei Hinweise eingegangen, die zum ersten Beitrag den Verfasser erreichten. Dr. Ernst Manfred Wermter schreibt zu der Bemerkung von O. H. von der Gablentz, daß es in Preußen keine Heilige und Märtyrer gegeben habe, daß die heilige Dorothea von Montau für kurze Zeit wie ein leuchtender Stern über dem Lande gewesen sei. Ich stehe nicht an, hier den Satz des bedeutenden Dorotheenforschers Dr. Richard Stachnik zu zitieren: „Nach ihrem Tode am 25. Juni 1394 aber wurde sie (die hl. Dorothea) mit einem Schlage die populärste Frau des Weichsel-Ostsee-Kulturkreises, die Patronin des Preußenlandes, weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus verehrt und gepriesen." Gablentz wiederum sei Gerechtigkeit widerfahren mit dem Hinweis auf seine Feststellung, daß Preußen aus der christlichen Führerschicht keinen Fürbitter gefunden habe, der es vor Gott vertrete in den oberen Rängen. Wobei ihm die Frage entgegengehalten werden kann, ob der Fürbitter gerade aus den „oberen Rängen" kommen mußte. Einen besonders interessanten Hinweis gab mir Domherr Prälat Leo Kaminski, und zwar zu der Reise des Bischofskandidaten Johannes Stryprock mit dem Prußen Nikolaus Gerke von Hohenberg zu Papst Innozenz VI. 1355 nach Avignon, wobei es sich offensichtlich um einen wirklichen Vorgang gehandelt hat. Der Pruße, den der Papst zum ermländischen Bischof machen wollte, habe ursprünglich "Klauko" geheißen. Bischof Stryprock, zu dessen Gunsten der prußische Edle auf die ermländische Kathedra verzichtete, habe ihm nach der Heimkehr ein Rittergut von etwa 2000 Morgen verliehen, das nach ihm Adl. Klaukendorf genannt wurde. Dazu kamen sechs Hufen Pfarrland und das Patronatsrecht über die Kirche, das den Besitzern des Rittergutes bis zuletzt zustand und auf Grund dessen auch Prälat Kaminski 1932 Pfarrer von Klaukendorf geworden ist.
2) Vgl.die ausführliche Schilderung der Totenfeier im Ermländischen Kalender 1955, S. 41.
3) In der „DDR" ist man freilich anderer Meinung. Hier sucht man vielleicht auch im Hinblick auf unsere Geschichtslosigkeit, die von Männern wie Walter Scheel und Karl Carstens beklagt wird, neuerdings den Anschluß an die preußisch-deutsche Geschichte, die zu bestimmten Zwecken ausgedeutet, wir können ruhig sagen manipuliert, wird. In dem Vorwort zur ersten Auflage des Buches “Befreiungskriege, Erläuterungen zur deutschen Geschichte" erschienen im Berliner Volkseigenen Verlag „Volk und Wissen", das in der mir vorliegenden 7. Aufl. von 1976 zitiert wird, heißt es: „Die Befreiungskriege waren nach dem Bauernkrieg die erste große politische Massenbewegung in Deutschland. Im Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft erstarkte das Nationalbewußtsein; das politische Denken der Volksmassen wurde revolutioniert. Zugleich entstand eine umfangreiche und wirkungsvolle politische Literatur, die diese Prozesse vorbereitete und förderte. Die bedeutendsten literarischen Leistungen wurden dabei von jenen Schriftstellern geboten, die mit dem Kampf für die nationale Unabhängigkeit Deutschlands die Forderungen nach politischer Freiheit und sozialer Gerechtigkeit verbanden. Ihre Werke sind für die sozialistische Gesellschaft ein wichtiges Erbe, dessen Behandlung im Deutschunterricht wesentlich zur patriotischen Erziehung der Jugend beitragen kann." In den Leseproben des Buches werden neben Stellen aus Fichtes „Reden an die deutsche Nation" u. a. Gedichte von Ernst Moritz Arndt („Der Gott, der Eisen wachsen ließ" und „Was ist des Deutschen Vaterland?"), Theodor Körner („Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!", „Du Schwert an meiner Linken", „Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?", "Frischauf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen"), Max v. Schenkendorf („Freiheit, die ich meine" und „Muttersprache, Mutterlaut") im vollen Wortlaut wiedergegeben. Diese zum größten Teil martialischen Gedichte haben wir Alten in der Schule gelernt oder zum mindesten kennengelernt. Was würden ihre Verfasser dazu sagen, wenn sie wüßten, wozu sie heute gebraucht werden?
4) Bismarck, 1815 in Schönhausen in der Altmark geboren, war von Hause aus ein preußischer Junker. Seine Mutter war allerdings eine Bürgerliche aus einer angesehenen Familie. Seine Kindheit verbrachte er in Kniephof in Pommern, wo er später einem Kreis von Pietisten nahetrat. Aus diesem wählte er seine Frau Johanna v. Puttkamer. Er wollte eigentlich die höhere Beamtenlaufbahn einschlagen, aber nach dem Referendarexamen entschloß Bismarck sich, auf die „Ochsentour", wie er sie nannte, zu verzichten. Er zog das freiere Leben eines Gutsherrn vor, der die Familiengüter bewirtschaftete. Aber die Politik nahm ihn bald gefangen. Er war Mitglied des Vereinigten Landtags und der Zweiten Kammer, wo er auf dem äußersten rechten Flügel saß. Friedrich Wilhelm IV. ernannte ihn auf Rat der Kamarilla zum preußischen Gesandten beim Bundestag in Frankfurt (18511859), wo er eine für ihn sehr wichtige Lehrzeit auf dem Gebiet der großen Politik durchmachte. 1859-1861 war er preußischer Gesandter in St. Petersburg, im Frühjahr 1862 kam er als solcher nach Paris. Wilhelm I. wollte von ihm zunächst nichts wissen, weil er ihm in seiner ganzen Art zu dynamisch war. Noch unheimlicher war er der Königin Augusta, die zeitlebens, wenn der Ausdruck erlaubt ist, seine Intimfeindin geblieben ist wie übrigens auch ihre Schwiegertochter Viktoria. Der König spürte aber die unbedingte Ergebenheit Bismarcks ihm gegenüber.
5) Eduard Martin Simson, der 1810 in Königsberg geboren wurde, war später auch der erste Präsident des Deutschen Reichstages. Bei der Errichtung des Reichsgerichts in Leipzig wurde er 1879 zu dessen erstem Präsidenten berufen. Es ist bemerkenswert, daß Kaiser Friedrich III., dem man liberale Neigungen nachsagte, während seiner kurzen Regierungszeit 1888 dem alten Liberalen Simson den Schwarzen Adlerorden verlieh, mit dem der Erbadel verbunden war.
6) Hans Lipinski-Gottersdorf stammt selbst aus der Nordostecke Oberschlesiens, in der der Roman spielt, den einzigen evangelischen Kreisen der Provinz Rosenberg und Kreuzburg. Durch die Gemeinsamkeit der Konfession wurde hier den Menschen der Zugang zum Preußentum erleichtert. So widmet der Verfasser sein Buch dem Andenken seines Vaters, der als Offizier, Beamter und letzter Herr eines alten Familienbesitzes sein Leben lang nach Haltung und Gesinnung ein slawischer Preuße gewesen sei.
7) Es wird manchen wundern, daß Schoeps hier offensichtlich einen Unterschied zwischen dem Stil Hitlers und dem Mussolinis macht. Auf eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Diktatoren sei hier wenigstens hingewiesen: Mussolini riet Hitler immer wieder, nicht so hart gegen die Kirchen vorgehen, vergeblich. Vor allem: Mussolini wurde zwar vom italienischen König berufen, aber auch von ihm ab- und gefangengesetzt, allerdings nach einem Beschluß des Faschistischen Großrats.

 

Benutzungshinweise:

Lieber Kybernaut!
Ich bin als Sohn des Journalisten und Webmaster der Kreisgemeinschaft Braunsberg in einem argen Dilemma: Auf der einen Seite weiß ich, wie sehr es das Anliegen meines Vaters war, daß sich möglichst viele Menschen unmittelbar von der "Erlebnisgeneration" informieren, und daher hatte er auch auf seine alten Tage aufgeschrieben, was ihm wichtig war weiterzugeben. Und er wäre gewiß glücklich über die Möglichkeiten des Internets gewesen, hätte er davon zu seinen Lebzeiten gewußt. Auf der anderen Seite stehen allerdings die wirtschaftlichen Interessen des Vereins, der seine Arbeiten herausgegeben hat, dem entgegen: Dort gibt es ganz offensichtlich die Befürchtung, daß durch eine Internetveröffentlichung mögliche Kunden für die noch vorhandenen gedruckten Ausgaben wegbleiben. 
Sollten Sie also zu denen zählen, die eigentlich eine der Arbeiten gekauft hätten, doch aufgrund dieser Veröffentlichung das nicht mehr nötig hatten, so bitte ich um Mitteilung, damit ich dem Verein den entgangenen Schaden ersetzen kann. Sollten Sie allerdings durch Zufall (etwa über Suchmaschinen) auf diese Arbeiten gestoßen sein, von denen Sie sonst nie eine Ahnung bekommen hätten, wären Sie natürlich auch sowieso nie Kunde geworden und das Problem eines Schadens für den Verein gibt es von vornherein nicht. Und sollten Sie durch die Internetrepräsentation jedoch sogar zum Kauf angeregt worden sein, bitte ich allerdings um Information, denn das wäre ja auch für den Verein ein Argument für die Veröffentlichung hier!
Die Arbeit wurde mit größter Sorgfalt von dem gedruckten Werk gescannt und durchgesehen, dabei wurden auch offensichtliche Druckfehler korrigiert. Dennoch ist es nicht auszuschließen, daß Übertragungsfehler übersehen wurden. Für wissenschaftliche Verwendung empfehle ich daher unbedingt die gedruckte Ausgabe. Sie ist zu erhalten bei:

Historischer Verein für Ermland e.V.
Brandenburger Str. 5
35041 Marburg

oder
Geschäftsstelle des
Historischen Vereins für Ermland e. V.
Ermlandweg 22
48159 Münster

e-Mail: info@historischer-verein-ermland.de
Webseite: http://www.historischer-verein-ermland.de/

Und nun viel Freude bei der Lektüre!
Ihr Webmaster Braunsberg (Ostpreussen)
Michael Preuschoff

www.braunsberg-ostpreussen.de